Der Einmarsch der Amerikaner in Enkenbach

Die letzten Kriegstage im März 1945 hätten für das Dorf noch verhängnisvoll werden können. Obwohl die deutsche Front im Westen zusammengebrochen war und das deutsche Militär in ungeordneten Haufen durch die Pfalz flutete, um das rechte Rheinufer zu erreichen, obwohl der organisierte Widerstand aufgegeben worden war, entspann sich zwischen den vorrückenden Amerikanern und der um Enkenbach stationierten Luftwaffen-Flak ein hitziges Gefecht. Dabei gab es auf beiden Seiten Verluste und die Amerikaner verloren 8 (nach anderer Darstellung 12) Panzer.

Nach verschiedenen Augenzeugenberichten war der Ablauf der Ereignisse etwa dieser:

Am Abend des 19. März kam im deutschen Wehrmachtsbericht die Meldung, dass die Amerikaner auf ihrem Vormarsch von Westen her Bad Kreuznach erreicht hätten. Mit ihrem Erscheinen in Enkenbach konnte also stündlich gerechnet werden. Die Dorfbewohner brachen in keine Panik aus, sondern gingen ruhig wie jeden Abend in die Bunker und Schutzräume. Am Morgen des 20. März hörte man ein dumpfes Rollen aus Richtung Neuhemsbach. Es waren die Panzer der amerikanischen Vorhut, die noch an diesem Tage unser Dorf besetzen sollte. Die Panzer kamen das Alsenztal herab, bogen beim Altersheim zum Mehlingerhof ein und erreichten Enkenbach über die Straße am Friedhof vorbei. Am Ortseingang war eine Panzersperre, errichtet von dem kurz vorher aufgestellten deutschen Volkssturm. Die Panzer bogen in die Bauernwoogstraße ein und erreichten über die Alsenzstraße die Dorfmitte und den Bahnübergang nach Alsenborn. Hier wurde ein Panzer von der Flak auf dem Klosterfeld angeschossen. Einige Panzer fuhren auf den höchsten Punkt hinter der Turnhalle. Es folgte nun ein Artillerie-Duell zwischen diesen Panzern und der schweren Flak auf dem Schorlenberg. Dabei wurde eine Anzahl Häuser auf der Schützenkanzel beschädigt. Das Gefecht zwischen Deutschen und Amerikanern dauerte den ganzen Tag über. Beim Versuch der Amerikaner, über die Straße zu den Zwanzigmorgen den Schorlenberg und die Autobahn zu erreichen, wurden eine Anzahl Panzer abgeschossen, vor allem von der schweren Flak, die im Ochsental (im Waldstück gegenüber der Obstanlage Wiemer) Stellung bezogen hatte.

Auf Veranlassung des katholischen Pfarrers Martin, der als Bittsteller in die deutsche Stellung ging, soll dann die Kampftätigkeit eingestellt worden sein. Ein Teil der deutschen Soldaten flüchtete, ein Teil geriet in Gefangenschaft. Zu den militärischen Ereignissen wäre noch nachzutragen, dass von der deutschen Wehrmacht im Winter 1945 in Enkenbach und in den Dörfern der Umgebung ein Armee-Nachschublager eingerichtet worden war. So waren z. B. in der hiesigen Turnhalle Lebensmittel gelagert, die vor dem Einmarsch der Amerikaner an die Bevölkerung verteilt wurden. Das Munitionslager der Armee im Hinterwald wurde gesprengt und dabei ein großer Schaden an den Holzbeständen angerichtet. Auch die Ostertalbrücke wurde noch vor dem Einmarsch der Amerikaner am 19. März abends 9 Uhr von deutschen Pionieren gesprengt, in völliger Verkennung der Tatsache, dass durch solche Aktionen das Waffenglück nicht mehr gewendet, und der längst verlorene Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte. Für die Bevölkerung hatte nun der Terror der Tiefflieger, die in den Tagen zuvor auf fast, jeden einzelnen Bauern auf dem Felde oder jedes Pferdegespann geschossen hatten, hatte die Angst vor den Bombenangriffen und der Aufenthalt in den Luftschutzbunkern ein Ende. Die amerikanischen Soldaten besetzten das Dorf. Ganze Straßenzüge mussten geräumt werden. Die Häuser wurden mit Militär belegt. In der Villa Lapport wohnte der Ortskommandant von Enkenbach-Alsenborn. Wie immer in solchen Fällen kamen auch Übergriffe des Militärs vor. Wohnungen wurden beschädigt oder beschmutzt, Wertgegenstände mitgenommen und Frauen belästigt.

Die Besatzung erließ strenge Vorschriften für die Zivilbevölkerung. Eine Sperrzeit von abends 6 Uhr bis morgens 7 Uhr wurde eingeführt, in der sich die Dorfbewohner auf der Straße nicht sehen lassen durften. Hitlerfahnen, Hitlerbilder, Abzeichen und Wimpel der SA, der HJ und der sonstigen Parteigliederungen mussten abgeliefert werden, ebenso auch Fotoapparate u. ä. Die arbeitsfähigen Männer mussten die Panzersperren beseitigen. Beim Bürgermeisteramt wurde Vieh geschlachtet und das Fleisch den ehemals gefangenen Polen übergeben, die vor allem im Bahnwärterhaus an den Zwanzigmorgen sich eingenistet hatten. Paul Sprengart wurde von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt und das Bürgermeisteramt mit anerkannten Gegnern der Hitlerpartei besetzt. Es folgte nun eine schwere Zeit für die Verwaltung und für die Bevölkerung; denn das Gespenst des Hungers stand vor jeder Haustür. Das deutsche Geld war wertlos geworden. Der Tauschhandel blühte. Hamsterer und Schieber mästeten sich an der ungeheuren Not des Volkes. Unsere Staatsverwaltung war zusammengebrochen. Die amerikanische, dann die französische Militärregierung lenkten Monate und Jahre unsere Geschicke. Die Konzentrationslager gaben ihre Gefangenen heraus, die Interniertenlager nahmen Zehntausende auf. Ein machtberauschter Diktator hatte sein Volk in das größte Elend und die größte Not gestürzt und die guten Hoffnungen von Millionen enttäuscht. Die Nachkriegsjahre waren in mancher Hinsicht noch schwerer als die Kriegsjahre. Es fehlte in den meisten Familien an allem, am Essen, an Bekleidung, an Schuhen, an Brand. Das Geld entwertet. Die Familienväter in Gefangenschaft, vermisst oder gefallen. Die Familien der Ernährer beraubt. Die Fabriken in der Stadt, die neue Haushaltswaren hätten herstellen können, zerstört. Die Verkehrswege beschädigt, die Verkehrsmittel den Bomben und Bordwaffen zum Opfer gefallen. Mit Güter- und Viehwagen wurde zunächst der Personenverkehr der Eisenbahn wieder aufgenommen.

Aus: "Aus Enkenbachs Vergangenheit" von Friedrich W. Weber, herausgegeben von der Gemeindeverwaltung Enkenbach (1960)

[zurück zu Historie]