Johann Peter Müller — Ein Pfälzer Wiedertäufer im Kloster Ephrata in Pennsylvanien

Knapp hundert Kilometer westlich von Philadelphia, in der Grafschaft Lancaster des amerikanischen Bundesstaates Pennsylvania, im Pennsylvania Dutch-Gebiet, zwischen Reading und Lancaster, am Schnittpunkt der U. S.-Straßen 322 und 222 liegt das Städtchen Ephrata, Handelszentrum eines hauptsächlich von Mennoniten und Amischen bebauten, fruchtbaren Landwirtschaftsgebiets. Der Ort ist im 18. Jahrhundert entstanden. Schon vor diesem, aber erst recht mit dem Beginn dieses Jahrhunderts, war ein starker Strom deutscher Einwanderer in die von William Penn erschlossene und nach ihm benannte englische Kolonie Pennsylvanien geströmt, wobei sich besonders viele Pfälzer befanden. Unter diesen Siedlern waren manche religiöse Sektierer und Schwarmgeister, vor allem auch wiedertäuferische Gruppen, die in der Neuen Welt die Freiheit suchten, ihre besondere und in Europa oft verfolgte Glaubensform zu leben. Diese religiösen Sonderformen haben, soweit sie sich erhalten haben, kulturell einen stark konservativen Zug behalten, der sich heute am stärksten bei den Amischen, einer frühen Abspaltung der Mennoniten, zeigt2; sie sind heute die Erhalter der Pennsylvania Dutch (= deutsch)-Mundart, die im wesentlichen mit dem Pfälzischen identisch ist.

Der Ursprung Ephratas ist das in den Jahren l 732/35 von dem aus dem Kurpfälzischen stammenden Johann Conrad Beissel gegründete gleichnamige Kloster für seinen wiedertäuferischen „Orden der Einsamen"3. Die noch erhaltenen und teilweise restaurierten grauen, unscheinbaren Gebäude dieser religiösen Gemeinschaft werden heute vom Staat Pennsylvanien als historische Sehenswürdigkeit erhalten. Sie sind der sichtbare Überrest einer besonderen Spielart im religions- und kulturgeschichtlichen Spektrum des 18. Jahrhunderts. Zu dem Klosterbereich gehört auch ein Friedhof, auf dem die Angehörigen der Klostergemeinschaft beerdigt wurden. Auf einem der Grabsteine, von denen die meisten eine deutsche Inschrift zeigen, ist folgendes zu lesen:

Hier Liegt Begraben

PETER MILLER

Gebuertig im Oberamt

Lautern in Chur Pfalz

Kam als Reformirter

Prediger nach America

Im Jahr 1730. Wurde

Unter die Gemeine in

Ephrata getaufet im

Jahr 1735 und genannt

Bruder Jaebez. Auch ward

Er nachmals ihr Lehrer

Bis an sein Ende. Entschlief

Den 25sten September, 1796.

Alters 86 Jahr und 9 Monath4.

II.

Wer war dieser Peter Miller aus dem kurpfälzischen Oberamt Kaiserslautern, der in Amerika Lehrer und Vorsteher einer sektiererischen Klostergemeinschaft wurde? John Peter Miller ist die englische, von ihm, wenn er englisch schrieb, selber gebrauchte Form seines Namens Johann Peter Müller. Dieser Müller oder Miller spielte eine nicht unbedeutende Rolle im Pennsylvanien des 18. Jahrhunderts; religionsgeschichtlich gehört er zu den bedeutendsten Gestalten der pennsylvanischen Geschichte5.

Johann Peter Müller war der Sohn des reformierten Pfarrers Johannes Müller, der von 1707 bis 1714 Pfarrer in Zweikirchen-Rothsehlberg (südlich Wolfstein) und in Wolfstein war. In dieser Zeit wurde Johann Peter, wahrscheinlich in Zweikirchen, am 25. Dezember 1709 geboren Während sein Vater von 1714 Ins 1726 Pfarrer in Alsenborn im Oberamt Kaiserslautern war, immatrikulierte sich Johann Peter am 29. Dezember 1725 an der Universität Heidelberg als Johannes Petrus Mullerus, Altzbornensis; der Student der Theologie scheint auch etwas Jurisprudenz gehört zu haben. Sein Vater zog 1726 nach Altenkirchen bei Homburg, wo er bis zu seinem Tod am 11. Mai 1741 als Pfarrer wirkte5. Über Johann Peter Müllers Leben in Deutschland ist weiter nicht viel bekannt; mit dreißig Gulden in der Tasche hatte er sein Vaterhaus verlassen Nach Studienabschluß erhielt er die Erlaubnis zu predigen, er durfte jedoch noch nicht taufen, weil er offenbar noch nicht ordiniert war. Es ist nicht bekannt, ob ihm die Ordination verweigert wurde, oder ob er sich selbst nicht darum bewarb. Aus späteren Nachrichten kann aber vermutet werden, daß er mit der herrschenden Theologie nicht ganz einverstanden war, was gleichzeitig einen ersten Hinweis auf den Grund seiner Auswanderung nach Amerika darstellen kann. Kann so auf Seiten Müllers eine gewisse Unzufriedenheit angenommen werden, so mag dem entgegengekommen sein, daß aus den reformierten Gemeinden in Pennsylvanien der Ruf nach Predigern kam Auch war Georg Michael Weiß, mit dem ihn ein freundschaftliches Verhältnis verbunden zu haben scheint, in der ersten Jahreshälfte I730 in die englische Kolonie Pennsylvania ausgewandert. So wenig Sicheres über die Gründe seiner Auswanderung auszumachen ist, der zwanzigjährige Kandidat der Theologie jedenfalls befand sich auf dem Schiff Thistle (volle Bezeichnung: Thistle of Glasgow, Colin Dunlap, Master), das von Rotterdam aus über Dover nach Philadelphia fuhr, wo es am 28. August 1730 ankam6. Müller war einer von den etwa 260 Pfälzern auf dem Schiff, die in eine neue Heimat fuhren. Am Tag nach der Ankunft schworen die Neuankömmlinge ihrer neuen Obrigkeit den Treueid; ihren bisherigen Herren hatten sie abzuschwören (Declaration of Fidelity and Abjuration).

Ziemlich bald nach seiner Ankunft wurde Müller von den Reformierten in Philadelphia, Germantown (heute Stadtteil von Philadelphia) und von einem Teil der mit ihrem Pfarrer Böhm unzufriedenen Gemeinde in Skippak (Schipbach) gebeten, ihnen als Pfarrer zu dienen, zunächst aber hatte Müller, bis jetzt noch Kandidat, Schwierigkeiten wegen seiner Ordination.

Um möglichst schnell ordiniert zu werden, wandte er sich an Jedidiah Andrews, Pfarrer der Presbyterianerkirche in Philadelphia, der ihm nach einer persönlichen Prüfung empfahl, sich an die Synode dieser Kirche zu wenden, was Müller auch tat Die Presbyterianische Synode überwies in ihrer Sitzung am l9. September l 730 seinen Antrag an die Gemeinde in Philadelphia, die seine Einsetzung als Pfarrer veranlassen sollte. Die Geistlichen Jedediah Andrews, Adam Boyd und Gilbert Tennent wurden als Prüfungskommission bestimmt; Müller sollte auf lateinisch über die Rechtfertigung schreiben und eine Predigt halten. Auf einer zweiten Sitzung am l3. Oktober trug er seine schriftliche Ausarbeitung vor, eine mündliche Prüfung schloß sich an Sein großes Wissen, vor allem aber seine Lateinkenntnisse fanden staunende Anerkennung. Andrews schrieb darüber in einem Brief7: „He is an extraordinary person for sense and learning. We gave him a question to discuss about justification, and he has answered it, in a whole sheet of paper, in very notable manner. His name is John Peter Müller, and he speaks latin as we do our vernacular tongue." - „Er ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit was Wissen und Kenntnisse anbelangt. Wir ließen ihn als Prüfungsfrage die Rechtfertigung (durch den Glauben) erörtern, und er hat sie in sehr bemerkenswerter Weise auf einem einzigen Blatt Papier beantwortet. Er heißt John Peter Miller und spricht Latein so fließend wie wir unsere Muttersprache."

Auf Grund der Prüfung und der Predigt wurde Müller von der Presbyterianischen Gemeinde als Kandidat anerkannt; die Ordination sollte in der folgenden Woche stattfinden, mußte aber zunächst zur Enttäuschung Müllers verschoben werden. Er suchte deshalb am l9. Oktober Johann Philipp Böhm auf, den er bald nach seiner Ankunft kennengelernt hatte, und der der einzige ordinierte (köstliche der Reformierten Kirche in der Provinz war. Böhm, ein sich streng an die Ordnung haltender Mann, warnte ihn vor seinen Einlassungen mit den Presbyterianern und riet ihm, sich wegen seiner Ordination an die Geistlichkeit der Reformierten Holländischen Kirche in New York zu wenden. Müller aber froh, dem Formalismus und der erstarrten Tradition der europäischen Kirchenverhältnisse entronnen zu sein, lehnte diesen Weg ab. Außerdem meinte er, daß in diesem Lande der englische König mehr zu sagen habe als die Kirchenbehörde der Reformierten in Amsterdam. Müller pries die Freiheit in Amerika, die es den Gemeinden erlaube, ihre Prediger selber zu wählen und zu entlassen. Christen seien frei und hätten niemanden als Christus über sich8. Dieser Hinweis auf die Freiheit der Christenmenschen - hier gegen Kirchenbehörden gerichtet - zeigt schon, was später für Müllers Leben entscheidend wird: die radikale und direkte Verwirklichung biblischer Lebensanweisungen. Der Gegensatz zwischen dem temperamentvollen, der Freiheit der Christen und der unsichtbaren Kirche zugewandten Müller und dem orthodoxen Böhm, der auch die weltliche Ordnung der Kirche gewahrt wissen wollte, war unaufhebbar und machte sich auch späterhin noch bemerkbar.

Am 20. November 1730 wurde Johann Peter Müller schließlich von den drei Presbyterianischen Pfarrern, die ihn geprüft hatten, in Philadelphia ordiniert. Der Reverend John Peter Miller war aber nur etwa ein Jahr in den drei genannten Gemeinden als Pfarrer tätig. Im Herbst 1731 wandte er sich deutschen Siedlungen im Landesinnern zu. Zuerst tauchte er in Goshenhoppen auf 9, 1733 predigte er bei den Reformierten im Conestoga-Tal in der Grafschaft Lancaster und im Tulpehocken-Tal in der Grafschaft Berks. Müller wirkte ebenfalls in einer aus Reformierten und Lutheranern bestehenden Gemeinde im Cocalico-Tal, die sich die Evangelische Gemeinde an der Gogallico nannte, wo er durch Eintragungen im Taufbuch nachgewiesen ist.

Die Gemeinden in Tulpehocken und am Cocalico waren von Böhm aufgebaut worden, der vergeblich gegen Müller protestierte, der ihn verdrängte. Müller war theologisch offenbar weit genug, daß er sowohl in reformierten als auch in lutherischen Gemeinden predigen konnte10. Er galt als der gelehrteste Theologe in der Provinz und stand in hohem Ansehen, aber auch in Gegensatz zu orthodoxen Geistern, wie der Fall Böhm deutlich zeigt.

III.

Wäre Johann Peter Müller bei seinem Amt als Pfarrer der Reformierten Kirche geblieben, so hätte er wohl kaum die Bedeutung und Berühmtheit erlangt, die ihm in der Religions-, aber auch in der allgemeinen Geschichte Pennsylvamens und darüber hinaus zukommt. Seine größere Rolle ergab sich aus seiner Hinwendung zum Wiedertäufertum, dessen stärkster Vertreter in jener Gegend Johann Conrad Beissel war. Der 1690 in Eberbach am Neckar geborene, unter widrigen Umständen aufgewachsene Beissel kam als wandernder Bäckergeselle zuerst in Straßburg m Berührung mit Pietisten und Inspirationisten. Nachdem er in Heidelberg Zugang zu verschiedenen sektiererischen Gruppen gefunden hatte, und deren Verfolgung nach dem Regierungsantritt des katholischen Kurfürsten Carl Philipp einsetzte, wanderte Beissel im Sommer 1720, zehn Jahre vor Müller, nach Amerika aus.

In Germantown wandte er sich schnell den Wiedertäufern zu, die hier Dunker oder Tunker hießen, weil die Taufe der Erwachsenen durch Untertauchen (Tunken) vollzogen wurde. Schon Ende 1720 zog sich Beissel in das Gebiet des Conestoga (heute in Lancaster County) zurück, um seinen ursprünglichen Plan, als Einsiedler zu leben, zu verwirklichen. Doch wirkte er zunächst noch sieben Jahre lang als Haupt der Täufergemeinde am Conestoga. Zum Bruch mit dieser kam es, als Beissel die Ehelosigkeit und die Heilighaltung des Sabbat lehrte; besonders seine Sabbat-Heiligung, die er nicht jüdisch, sondern naturgesetzlich begründete, blieb das trennende Element zu den anderen Wiedertäufern. Er zog sich als Einsiedler zurück, doch hatte er bald Nachfolger, und so entstand unter seiner Leitung eine Gemeinschaft, ein „Orden der Einsamen", der sich nach den wesentlichsten Merkmalen von Beissels Spielart des Wiedertäufertums Siebentäger-Täufer (Seventh Day Baptists) nannte.

Johann Conrad Beissel, dessen Biographie und Wirksamkeit hier nur angedeutet werden konnte, bemühte sich um die Bekehrung Müllers; er war auf den Pfälzer Landsmann aufmerksam geworden, da dieser mit großem Eifer seine verschiedenen Gemeinden besuchte. Freilich dürfte es kaum zufällig sein, daß Müller sich Beissels Einfluß immer stärker aussetzte. Was Beissel, dessen Orden seit 1732 einen eigenen Lebens- und Wirtschaftsbereich zu bauen begann, an Glaubenssätzen vortrug, entsprach wohl im wesentlichen den inneren Vorstellungen Müllers, die er in der Reformierten Kirche nicht fand; vielleicht darf schon seine Auswanderung als Ausdruck des Ungenügens an der organisierten und institutionalisierten Kirche überhaupt bewertet werden. Seine Wendung zu Beissels Lehre und Lebensgemeinschaft geht trotzdem nicht sprunghaft, sondern allmählich in den Jahren seiner Tätigkeit in den Gemeinden am Conestoga und Umgebung vor sich. Böhm schrieb11, daß Müller schon im Herbst 1732, also schon nach einem Jahr nach seinem Weggang von Philadelphia, mit den Ältesten der Gemeinde Goshenhoppen in das Haus der Siebten Tag „Tumpler" (= Tunker = Täufer) gegangen sei, wo sie sich Brüder nannten und einander die Füße wuschen; die Fußwaschung hatte Beissel nach neutestamentlichem Vorbild als Geste des Dienens wieder eingeführt. Beissel seinerseits hat mit einigen Anhängern Müller und die Ältesten in Tulpehocken besucht. Es dauerte etwa zwei Jahre, ehe in Müller aus der Begegnung mit den Ephrataer Ideen ein Entschluß reifte. Ende 1734 gab er sein Pfarramt auf. Es dauerte dann noch bis zum Mai 1735, daß Müller sich öffentlich von der Reformierten Kirche lossagte und durch dreimaliges Untertauchen wiedergetauft und in die Gemeinschaft der Ephrataer Sabbatanhänger und Wiedertäufer aufgenommen wurde. In Böhms Bericht an die Synode in Amsterdam sieht das so aus: „Und hat dieser Miller Tulpehocken an selbiger Zeit (1730) an sich gezogen, für welchen falschen Geist ich sie öfters gewarnet. Sie blieben aber, als verfürte und einfältige Menschen an ihn hängen. Bis endlich der betrug wofür ich sie forthin so geträulich gewarnet an den Tag gekommen, und dieser Miller zu der wüsten siebentäger Tumpler Secten öffentlich über gegangen ist..."12. Etwa zehn reformierte und lutherische Familien der Gemeinde Tulpehocken folgten seinem Beispiel. Dieser Schritt des trotz der Böhmschen Anfeindungen hoch angesehenen Pfarrers wirkte als große Sensation, die die Gemeinden der Provinz in große Verwirrung stürzte und eine Zeitlang die Existenz der dortigen Reformierten Kirche zu gefährden drohte. Unbewiesene Überlieferung ist, daß der Eindruck, den Müllers Übertritt machte, so stark gewesen sei, daß allmählich mehrere hundert Menschen seinem Beispiel gefolgt seien. Ein zur Zeit der Ereignisse nicht in Pennsylvanien gewesener Geistlicher schrieb 1738, daß 300 Menschen den Schritt Müllers ebenfalls getan hätten.

Spektakulär war die Bücherverbrennung, die Peter Müller zusammen mit den ebenfalls konvertierten Michael Miller, Conrad Weiser und Gottfried Fidler veranstaltete13. Sie verbrannten den Heidelberger und den Lutherischen Katechismus, die Psalmen Davids, das „ Paradiesgärtlein" und die „Übung der Gerechtigkeit".

Johann Peter Müller gibt im Rückblick einen zusammenfassenden Bericht über seinen Glaubenswechsel in einem Brief vom 5. Dezember 1790 an einen Freund14. Die Sätze, in denen der innere Vorgang angedeutet wird, lauten: „. . .my in ward Conductor brought me to that critical dilemma, either to be a member of this new Institution, or to consent to my own condemnation, when I also was forced to choose the first. . . and I found by experience in subsequent times, that all this was put into the divine records; for God never failed in his promise to assist me in time of need ..." - „Mein Gewissen stellte mich vor die Entscheidung, entweder ein Mitglied der neuen Gemeinde zu sein, oder meiner eigenen Verdammung zuzustimmen; so wurde ich gezwungen, das erstere zu wählen . . . und die Erfahrung späterer Zeiten lehrte mich, daß dies alles im Buch des Lebens verzeichnet war, denn Gott brach nie sein Versprechen, mir in der Not zu helfen."

IV.

In dem eben zitierten Brief berichtet Peter Müller auch, daß er nach seiner Bekehrung wie die anderen Brüder und Schwestern des „Ordens der Einsamen" zunächst als Eremit gelebt hat. Offenbar standen die Ordensmitglieder aber untereinander in enger Verbindung; für den neuen Angehörigen errichteten sie eine Hütte an einer Quelle am Fuße eines Hügels „in the wilderness of Conestogues". Doch blieb er hier nur vom Mai bis November 1735. Dann war Beissel mit dem Bau des Klosterbezirks soweit, daß er alle Ordensangehörigen in die neue und bleibende Heimstatt einberufen konnte: das Kloster Ephrata war vollendet. Für den gelehrten und temperamentvollen Müller war es offenbar auch höchste Zeit, wieder in die Gemeinschaft von Menschen zu kommen, unter denen er wirken konnte. Am Einsiedlerleben fand er keinen Gefallen; Schwermut und ihre Folgen machten ihm zu schaffen. In dem zitierten Brief schreibt er: „. . . the melancholy temptations, which did trouble me every day, did prognosticate to me misery and afflication ..." - „Die Versuchungen der Schwermut, die mich tagtäglich heimsuchten, kündigten mir Jammer und Trübsal an . . .". Müller begrüßte den Wechsel von der Einsiedler- zur Mönchsexistenz, die er einem heiligen mäßigen Leben angepaßter erachtete als das Eremitendasein, „where many under a pretense of holiness did nothing but nourish their own selfishness". - „wo viele unter dem Vorwand der Heiligkeit nichts taten, als ihre Selbstsucht zu nähren". Damit beginnt Johann Peter Müllers letzter und längster Lebensabschnitt, nach einer halbjährigen Eingangsstufe als Einsiedler, als Bruder bei den Siebentäger-Wiedertäufern im Kloster Ephrata. Beissel hatte das Kloster als drei halbselbständige, eng zusammenarbeitende Gemeinschaften organisiert: eine Bruderschaft, eine Schwesternschaft und eine Gemeinde von Ehepaaren; die frühere Zölibatsforderung Beissels hatte sich verflüchtigt. Das Leben in den äußerst primitiv eingerichteten Häusern war spartanisch hart, die Tugenden der Demut, Keuschheit, Mäßigkeit, Tapferkeit und Nächstenliebe wurden radikal zu verwirklichen gesucht; eine Zeitlang spannten sich die Brüder sogar selber als Zugtiere vor den Pflug. Die Zeit war eingeteilt in Arbeit, Meditation und Gottesdienst. Feld-, Garten-, Haus-, handwerkliche und kunstgewerbliche Arbeiten dienten dem eigenen Bedarf und, durch Verkauf der Produkte, dem Unterhalt des Klosters. „Arbeite und hoffe" war der Wahlspruch des Ordens.

Im geistigen Leben dieser tätigen Klostergemeinschaft spielte Johann Peter Müller eine führende Rolle; er nahm den zweiten Platz nach Beissel ein, galt als eigentlicher Lehrer des Klosters, und nach Beissels Tod wurde er dessen Nachfolger als Vorsteher. Sein Klostername war Bruder Jaebez15, als Autor bediente er sich manchmal der lateinischen Form dieses Namens: Agrippa. Wir kennen Peter Müllers Einstellung zu einzelnen Fragen16. Als es über einer behördlichen Forderung an die Einzelmitglieder der Bruderschaft nach Steuerzahlung zu Meinungsverschiedenheiten im Kloster kam, war Bruder Jaebez unter denen, die gegen eine Einzelbesteuerung der Brüder waren, während andere bereit waren, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Müller und seine Anhänger in dieser Frage beriefen sich auf die Steuerbefreiung der Mönche und Eremiten durch Kaiser Theodosius d. Gr. im 4. Jahrhundert; da sie sich durchaus nicht geringer achteten als die antiken Einsiedler, beanspruchten sie dieselbe Immunität. Da aber die Obrigkeit keine Präzedenzfälle aus der Frühgeschichte des Christentums gelten lassen wollte, kam es schließlich zur Verhaftung von sechs Brüdern, unter denen sich auch Peter Müller befand. Die Klosterchronik berichtet, daß das Gericht von den Angeklagten so beeindruckt war, daß die Brüder erreichten, nicht als Einzelne besteuert zu werden; sie weigerten sich dagegen nicht, zusammen als geistliche Familie die übliche Familiensteuer zu zahlen.

Müller unternahm, wie andere Brüder auch, Erweckungsreisen, besonders auch zu den Wiedertäufern in Germantown. Es kam zur Spaltung der dortigen Täufergemeinde, von denen diejenigen, die sich zur Beisselschen Sabbat-Auffassung bekehrten, ins Kloster Ephrata zogen (1739).

Wohin der Eifer und die Phantasie freigesetzer religiöser Schwärmerei treiben konnte, zeigte die nicht nur in Ephrata aufgekommene Übung, sich für tote oder noch lebende Verwandte stellvertretend taufen zu lassen. Es spricht für den theologisch klareren Verstand Peter Müllers, daß er diesem Treiben eifrig wiedersprach, wenn auch zunächst ohne Erfolg. In das Leben des Klosters haben auch manche mystische und auch okkulte Praktiken Eingang gefunden. Besonders beachtenswert ist ein Vorgang vom August 1740; Peter Müller, Israel Eckerling und Conrad Weiser wurden von Beissel zu Priestern geweiht, und zwar nach der Ordnung Melchisedeks17.

Aus diesen ersten Klosterjahren gibt es auch einen Hinweis, daß Müller mit seiner Familie in der Pfalz in Verbindung gestanden hat; 1739 erhielt das Kloster Ephrata eine neue Turmuhr und eine Glocke, die als Geschenk von Peter Müllers Vater bezeichnet werden. Ein wichtiges Problem, über das es zu mancherlei Auseinandersetzungen kam, war die äußere Ordnung des Ordens, der durch den diktatorischen Willen Beissels alleine nicht geführt werden konnte. So kam man zu verschiedenen Ordnungs- und Kompetenzvorstellungen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß Peter Müller am 23. März 1746 zum Prior ernannt wurde. Dieses Amt war bei dem oft spannungsvollen Verhältnis zwischen der Bruderschaft und dem Vorsteher Beissel durchaus undankbar. Da Müller sich offenbar nicht eigens um die Gunst der Brüder bemühte, wurde er automatisch auf die Seite Beissels gedrückt, was ihn gegenüber der Bruderschaft in eine gewisse Isolation brachte.

Jaebez fühlte sich dadurch so belastet, daß er nach einem halben Jahr schon darum bat, von dem Priorsamt wieder entbunden zu werden, was am 5. September 1746 geschah. Bruder Jethro, sowohl Vorgänger wie Nachfolger Müllers als Prior, verbot nun Müller den Zugang zu Beissel ohne seine, des Priors, vorherige Erlaubnis. Der dadurch schwer getroffene Jaebez drückte seine Trauer in einer Hymne aus: „Ach komme bald! mein Freund, in deinen Garten, dann sonsten zeitigen die Früchte nicht: mir ist so bang bey viel und langem warten, weil mein Gcmüth allein auf dich gericht. Hat mich die schwartze Trauer Nacht schon hesslich ungestalt gemacht; so halte ich doch an mit Flehen, dein schönes Angesicht zu sehen." - Das Gedicht, Zeugnis der Demut und Verehrung Peter Müllers, bewirkte, daß der harte Beschluß des Priors aufgehoben wurde.

Im Herbst 1744 unternahmen vier Mitglieder des Ordens, darunter auch Bruder Jaebez, eine Pilgerfahrt in die Neu-England-Gegend bis Rhode Island. In der arbeitsteiligen Reisegruppe war Müller der Theologe und Dolmetscher. Auf der langen Reise zu Fuß wurden unterwegs Täufergemeinden besucht, was für viele bedeutete, nach langer Zeit wieder Gottesdienst und Taufen zu haben; Peter Müller predigte und mahnte, fest im Glauben zu bleiben.

Ephrata zog durch seine Besonderheit, die selbst in der an sektiererischen Gruppen nicht armen Zeit auffiel, manchen Besucher an, in deren Berichten auch manche Nachricht über Peter Müllers Leben in Ephrata enthalten ist. Er wird als gelehrter, orientalischer, des Lateinischen und einiger europäischer Sprachen kundiger Mann bezeichnet. Israel Acre-lius18, der Ephrata 1753 besuchte, beschrieb Müller als einen Mann von guter Gestalt mit einem freundlichen Gesicht19, (s. Abb. 2) mit einer freundlichen Art, von der sich Fremde angezogen fühlten. Offenherzig gegen die, zu denen er eine Neigung entwickelte, sei er bescheiden und genial. Er könnte theologische Probleme, aber auch die anderer Wissenschaften diskutieren, doch habe er unter den jetzigen Umständen viel vergessen. Die Brüder hätten große Achtung vor ihm, zumal er ein kluger Mann sei, von dem die Ordnung hauptsächlich abhänge, obwohl er selbst keine andere Stellung als die eines einfachen Bruders beanspruche; im Gottesdienst las er die Heilige Schrift.

In dem Gespräch mit dem Lutheraner Acrelius betonte Müller einige Positionen der Ephrata-Theologie. Er erklärte, daß die Seele als ein Teil des Wesens Gottes nicht ewig verdammt werden könne. Müller bekräftigte noch einmal die Notwendigkeit, die Taufe durch völliges Untertauchen des erwachsenen Täuflings zu vollziehen. Sie glauben an die unmittelbare Inspiration des Predigers. Acrehus sah in Lehre und Leben dieser Sabbatianer auch einige katholische Züge. Insgesamt stellte er fest, daß die Ephrata-Leute eine selbstgewählte Heiligung weit über die biblische Rechtfertigung stellten.

In diesem Zusammenhang sei ein in Ephrata geschriebener, leider undatierter Brief Müllers an einen offenbar lutherischen Freund erwähnt20. In diesem mit dem vollen Namen Johann Peter Müller unterzeichneten Schreiben beurteilt Müller die lutherische Theologie von seinem Standpunkt aus; er glaubt, daß „die lutherische Kirche das Evangelium in vollem Maaß nicht erreicht. . . sintemal der Eingang in die Kirche durch die Taufe in der Kindheit schon ein nicht geringer Fehlschluß ist". Für ihn ist die Taufe „der Scheidebrief, den wir dem Geist dieser Welt geben . . .". Müller kritisierte die lutherische Kirche dafür, daß sie sich nicht genug von der Welt distanziere, und spricht „von den in der Kirche privilegierten Sünden, als Krieg führen, Rache üben, sein Recht prätendieren, Wuchervortheil u.s.f.". Er schließt, indem er noch einmal die Ephrata-Position markiert: „Im Übrigen haben wir keine anderen Glaubensartikel, als die uns Jesus Christus hat geoffenbart, nämlich den Weg der Verleugnung und der Heiligung, nebst den heil. Satzungen der ersten Kirche als Sabbath, Tauf, Fußwaschen, Brodbrechen u.s.f., dabei wir uns der ungefärbten Liebe gegen Gott, unsern Bruder und Nächsten befleißigen."

Der Briefwechsel Müllers war insgesamt ziemlich rege; er schrieb Briefe in deutsch, englisch und latein21. Unter seinen Korrespondenten befanden sich u. a. Mitglieder der Familie Penn, David Rittenhouse, Francis Hopkinson und Benjamin Franklin

Die wohl größte Wirkung, die von Ephrata ausging, wurde durch den Buchdruck erreicht. Es wurden Lehrbücher, vor allem aber religiöse Schriften gedruckt und herausgegeben. Auch hieran hatte Müller einen sehr großen Anteil. Noch bevor es im Kloster eine Druckerpresse gab, wirkten verschiedene Brüder schon bei der Herausgabe von Büchern mit, die Christoph Sauer in Germantown druckte (z. B. Zionistischer Weyrauchs Hügel, oder Myrrhen Berg... 1739). Müller war verantwortlicher Korrektor beim Druck dieser Bücher. Sauers Bedeutung hegt vor allem im Druck einer deutschen Bibel für die deutschen Einwanderer; das Neue Testament erschien gesondert 1745. Peter Müller selbst verfaßte auf Veranlassung Beissels einige Streitschriften gegen die Herrenhuter, die in der Indianermission tätig waren und mit denen die Ephrata-Sekte theologische Differenzen hatte. Der Titel eines dieser Pamphlete lautet: Mistisches und Kirchliches Zeuchnisz Der Brüderschaft In Zion, Von den wichtigsten Puncten des Christenthums Nebst einem Anhang darinnen dieselbe ihr unpartheyisches Bedencken an Tag gibt von dem Bekehrungs-Werck der sogenanten Herrenhutischen Gemeine m Pennsylvanien, und warum man ihnen keine Kirche zustehen könne. Germantown, Gedruckt und zu finden bey C. Saur. 1743.

Vermutlich die größte Leistung Peter Müllers ist die Übersetzung eines holländischen Monumentalwerkes ins Deutsche. Unter der Mithilfe von fünfzehn Brüdern, die in der klostereigenen Papiermühle und Druckerei arbeiteten, übersetzte Peter Müller in drei Jahren den Märtyrer-Spiegel, an dem die deutschen Mennoniten in Amerika besonders interessiert waren, da nach ihrer Auffassung die um ihres Glaubens willen Verfolgten, deren Worte in dem Buch enthalten waren, inspiriert gesprochen hatten. Der volle Titel des Buches von T. J. V. Braght lautet: Der Blutige Schau-Platz oder Märtyrer Spiegel der Tauffs Gesinnten oder Wehrlosen Christen Die um des Zeugnuß Jesu ihres Seligmachers willen gelitten haben, und seynd getödtet worden, von Christi Zeit an bis auf das Jahr 1660 ... - Das Buch ist 1748/49 im Verlag und Druck der Brüderschaft in Ephrata erschienen. Das Werk wird heute als die größte Druckleistung einer Druckerpresse der amerikanischen Kolonialzeit bezeichnet.

Von anderen Übersetzungen, die das Kloster herausbrachte, wurde die folgende von Müller besorgt. Er übersetzte Beissels Schrift „Mystische Abhandlung über die Schöpfung und von des Menschen Fall und Wiederbringung . . ." ins Englische unter dem Titel „A Dissertation on Mans Fall, translated from the High-German Original" (1765). Zu der erweiterten Ausgabe von 1766 oder 1747 zuerst erschienenen Sammlung von Ephrata-Hymnen „Das Gesäng der einsamen und verlassenen Turtel-Taube, Nemlich der Christlichen Kirche..." schrieb Müller ein Vorwort.

Die neunundneunzig „Mystische und sehr geheyme Sprueche, welche in der Himlischen schule des heiligen geistes erlernet. . ." von Beissel, die von Benjamin Franklin 1730 zuerst gedruckt wurden, hat Peter Müller ins Englische übersetzt und mit einem Begleitbrief und einigen Kompositionen Beissels 1771 an Franklin geschickt, der damals Präsident der Amerikanischen Philosophischen Gesellschaft war, deren Mitglied Müller 1768 geworden war. Die Müllersche Übersetzung der Sprüche Beissels sind dann erst in unserem Jahrhundert zum Druck gekommen 21a).

Das nach dem Märtyrer-Spiegel bedeutendste Werk, das der Klosterverlag herausbrachte, war „Chronicon Ephratense, Enthaltend den Lebens-Lauf des ehrwürdigen Vaters in Christo Friedsam Gottrecht, weyland Stiffters und Vorstehers des geistl. Ordens der Einsamen in Ephrata in der Graffschaft Lancaster in Pennsylvania. Zusammengetragen von Br. Lamech u. Agrippa" (l 786).

Dieses Buch ist die Hauptquelle zur Geschichte des Klosters Ephrata; es ging aus dem von Bruder Lamech geführten Tagebuch der Bruderschaft hervor. Nach seinem Tod 1763 hat Peter Müller, der hier unter dem Namen Agrippa erscheint, das Buch weitergeführt, redigiert und zum Druck gebracht. Müller besorgte außerdem noch eine englische Übersetzung, die jedoch im Zusammenhang mit den Umständen des Unabhängigkeitskrieges ungedruckt blieb. So kam nur die 450 Quartseiten starke deutsche Fassung zum Druck. Erst 1790 kam eine englische Fassung der Chronik heraus, von J. Mark übersetzt. Es ist anzunehmen, daß Peter Müller bei den zahlreichen hier nicht erwähnten Büchern, die von der Bruderschaft herausgebracht wurden, in der einen oder anderen Form mitgewirkt hat. Als Folge der schwindenden geistigen und physischen Kraft der Klostergemeinschaft wurde die Druckerei 1793 schließlich verpachtet.

Johann Peter Müller hatte sich für das Klosterleben entschieden. Seine verschiedenen Tätigkeiten zeigen jedoch, daß dies nach seiner wie nach Beissels Ansicht nicht bedeutete, sich von der Welt völlig zurückzuziehen in eine rein kontemplative Existenz. Die Verantwortung für die Welt wurde als gewissensmäßiger Auftrag empfunden. So ermutigte Müller seinen Freund und Mitbruder Conrad Weiser, den an ihn ergangenen Ruf des Gouverneurs zum Leiter der Rechtsprechung der Provinz anzunehmen (1741). Der aus dem Württembergischen stammende Weiser war wohl der für die Geschichte Pennsylvaniens bedeutsamste Angehörige des Ephrata-Ordens, in den er mit Müller eingetreten war. Weisers Kenntnis von Indianersprachen machten ihn zum unschätzbaren Dolmetscher der Regierung, der er als Friedensrichter und ab 1755 als Colonel in der Provinzial-Miliz diente. Er blieb in ständiger Freundschaft mit Müller.

Ein deutliches Licht auf die der Welt zugewandten Intelligenz Müllers fällt durch seine Aufnahme in die der Royal Society in England nachgeformten Amerikanische Gesellschaft für die Verbreitung nützlicher Kenntnisse (The American Society held at Philadelphia for Promoting Useful Knowledge) im April 176822. Müller hatte Beobachtungen über eine dem Getreide schädliche Fliege gemacht und Versuche beim Anbau von Erbsen und Einsen unternommen; außerdem hatte er einen neuen Bohrer für Erdbohrungen entwickelt. Auch hat er einen Plan ausgearbeitet, wie man Brennholz auf Bächen flößen könne, was bisher in der Provinz nicht praktiziert wurde23. In einem Brief an den Staatsmann, Buchdrucker und Naturforscher Benjamin Franklin schrieb Peter Müller:

„ . . . it is astonishing, how much our present Age is refined by so many usefull Discoveries24." - „ ... es ist erstaunlich, wie sehr unsere Zeit durch viele nützliche Erfindungen bereichert worden ist." In dem gleichen Brief, der eine Antwort auf ein Schreiben Franklins ist, drückte Müller seine Hochschätzung der Vokalmusik aus: „ . . .there is nothing, that gives greater Delectation to human Minds than Vocal Music. Die Chormusik wurde m Ephrata unter dem selbst komponierenden Beissel besonders gepflegt.

Ein bedeutender Einschnitt in Peter Müllers Klosterlcben war der Tod Conrad Beissels am 6. Juli 1768. Bruder Jaebez hielt dem Gründer der deutschen Sabbatianer in Amerika die Totenpredigt über Heb. 13,7 und 17. Vater Friedsam Gottrecht, wie er im Kloster hieß, „eine Ausgeburt der Liebe Gottes", wie auf dem Grabstein zu Ephrata steht, war eine der eindrucksvollsten Gestalten unter den vielen Deutschen, die Pennsylvanien entscheidend mitgestalteten.

Johann Peter Müller, Reverend Peter Miller, Bruder Jaebez wurde sein Nachfolger. Zu diesem Zeitpunkt freilich hatte das Kloster Ephrata seinen inneren und äußeren Höhepunkt, der in den Jahren 1740/175O lag, schon überschritten. Müller war, was fanatische Kraft und Herrschaftswillen über die Gewissen angeht, kein Beissel ebenbürtiger Nachfolger. Doch lag der Niedergang des Klosters nicht allein in der Person des mehr gelehrten als eifernden Peter Müller begründet. Die politische Entwicklung der englischen Kolonien erwies sich als nicht günstig für eine weitere Entwicklung des Klosters. Bald nach Beissels Tod brach der Unabhängigkeitskrieg aus. Die freiheitliche Verfassung des neuen Staates nahm den Druck, der teilweise auf den Sektierern lag, wodurch ein wichtiges Lebenselement separatistischer Gruppen wegfiel. Zu den äußeren Gründen, die den Zerfall des Klosters begünstigten, traten innere hinzu. Die Variationsbreite religiöser Denominationen in Amerika war und ist zwar sehr groß. Doch mußte es von vornherein zweifelhaft bleiben, ob der den meisten Einzelkirchen gemeinsame Spannbogen Protestantismus in der religiösen Formung Nordamerikas für eine klosterhafte Variante auf die Dauer Platz haben würde. Jedenfalls ist das protestantische Denken, das der individuellen Seele und ihrer Stellung vor Gott einen größeren Spielraum gewährt, einem mehr kollektiver Bindung und Unterwerfung verpflichteten Klosterleben nicht günstig. Tatsächlich ist in Ephrata nie eine befriedigende Formel für Gehorsam und Disziplin gefunden worden. Schwere Auseinandersetzungen in der Bruderschaft und zwischen dieser und dem Vorsteher Beissel hatten das Kloster in Krisen geführt.

Unter der Leitung Peter Müllers sind kaum noch neue Mitglieder zu dem Orden gestoßen, so daß dieser auf natürliche Weise zahlenmäßig zurückging. Die fortschreitende Überalterung machte die Geld- und Hauswirtschaft wie überhaupt alle Unternehmungen, insbesondere auch den Buchdruck, immer schwieriger. Für Erweckungsfahrten ins Land, wie sie in der Blütezeit unternommen worden waren, fehlte die innere und äußere Schwungkraft, aber auch die Resonanz einer religiös hungrigen und unter schwierigen Verhältnissen arbeitenden und kämpfenden Siedlerschaft. Die Kolonisierung war fortgeschritten, die herkömmlichen Kirchen hatten sich konsolidiert.

So ging das Kloster Ephrata den absteigenden Weg seiner Geschichte, was wohl auch ein Beissel nicht hätte verhindern, wenn auch vielleicht hinauszögern können. Der Vorsteher Müller aber, vielleicht in der Einsicht von der Notwendigkeit solchen Weges, verbrauchte seine Kraft nicht im Kampf für eine absterbende Existenzweise. Er diente mit den Gaben seines Geistes den tätigen Kräften der Zeit, indem er die Einladung des Kontinentalkongresses beim Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges annahm, die diplomatische Korrespondenz in verschiedene europäische Sprachen zu übersetzen. Die zeitgenössische Überlieferung, daß er auch die Unabhängigkeitserklärung in mehrere europäische Sprachen übersetzt habe, ist nach Befund der Handschriftenabteilung der Kongreßbibliothek nicht aufrechtzuerhalten25.

Im Oktober 1777 wurde Kloster Ephrata Hospital für verwundete Soldaten der Revolutionsarmee. Müllers Sympathien für den Unabhängigkeitskampf der Kolonien waren bekannt, ebenso Washingtons Hochachtung für ihn. In diesem Zusammenhang existiert eine legendenhafte Geschichte aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts, die das wahrhaft christliche Verhalten Müllers demonstriert26. Als Michael Widmann aus Lancaster, der im Unabhängigkeitskrieg auf englischer Seite stand, zum Tode verurteilt worden war, eilte Peter Müller nach Forge Valley und bat bei Washington um Widmanns Leben. Als der General hörte, daß Widmann Müllers ärgster Feind war, der ihn seines Glaubens wegen verfolgt und gedemütigt hatte, soll er der Geschichte nach von diesem Beispiel christlicher Liebe so beeindruckt gewesen sein, daß er Müllers Bitte entsprach.

Müllers späte Jahre waren von den Bemühungen erfüllt, einige Täufergemeinden westlich des Susquehanna zu festigen. Beschwerlichkeiten des Alters und ein durch einen Sturz verursachter Hüftbruch erlaubten aber schließlich keine Reisen mehr. Sein Gesundheitszustand war offenbar schon eine ganze Weile recht schlecht gewesen, als er am 25. September 1796 im Alter von 86 Jahren und neun Monaten starb. Müller wurde neben Beissel auf dem Klosterfriedhof bestattet. Die Umstände bei seiner Beisetzung sind geradezu von symbolischer Bedeutung für den Niedergang der ganzen Ephrata-Bewegung. Da alle Brüder alt und schwach waren, wollte man für die gottesdienstlichen Handlungen einen Geistlichen von außerhalb einladen. Da der Pfarrer der nächstgelegenen reformierten Kirche, aus der Müller ja hervorgegangen war, es ablehnte, den Gottesdienst zu halten, bat man den Prediger einer Täufergemeinde. Am Tage der Beerdigung, am 28. September, tobte ein schrecklicher Sturm, und es regnete in Strömen. Die Predigt ging über Offenbarung 14, 12 und 13: »Hier ist Geduld der Heiligen; hier sind, die da halten die Gebote Gottes … ."

In einem Müller gewidmeten Gedicht „To Peter Miller, Principal of the Society of Dunkers, Ephrata", das von dem zeitgenössischen amerikanischen Schriftsteller und Komponist Francis Hopkinson stammen soll heißt es27:

Some place RELIGION on a throne superb,

And deck with jewels Her resplendent gray;

In Ephrata's deep gloom you fix your seat

And seek RELIGION in the dark retreat;

This true devotion . . . and the Lord of love,

Such pray'rs and praises kindly will approve,

Wether from golden altars they arise,

And wrapt in sound and incense reach the skies;

Or from your Ephrata, so meek, so low,

In soft and silent aspirations flow.

Oh! let the Christian bless that glorious day,

When outward forms shall all be done away,

Manche erheben RELIGION auf einen herrlichen Thron,

und verdecken mit Juwelen IHR durchscheinendes Grau;

Ephratas tiefes Dunkel hast du dir erkoren

und RELIGION an geheimnisvoller Zufluchtstätte aufgesucht;

Diese treue Hingabe, Gebet und Lobpreis

wird der Gott der Liebe freundlich anerkennen,

gleich, ob sie von goldenen Altären aufsteigen,

und eingehüllt in Schall und Weihrauch die Himmel erreichen,

oder von deinem Ephrata demütig und bescheiden

aus Gelassenheit und Stille in Sehnsucht aufsteigen.

Oh, laß den Christen den glorreichen Tag segnen,

da alle äußeren Formen vergehen werden.

V.

Überblickt man Müllers Leben, so lassen sich einige Phasen feststellen, die sich zunächst durch die äußeren biographischen Umstände unterscheiden, die aber auch durch innere Entscheidungen gekennzeichnet sind.

Auf Kindheit und Jugend in Zweikirchen und Alsenborn (1709 - 1725) folgte die Studentenzeit in Heidelberg (1725 - 1730). Mag das väterliche Beispiel vorformend gewirkt haben, Peter Müllers Studium der Theologie entsprach offenbar der inneren Anlage, sein Leben der aktiven Auseinandersetzung mit dem Glauben und seiner Verkündigung zu widmen. Diesen beiden Unterabschnitten der Zeit in Deutschland (1709—1730) folgen drei Abschnitte seines Lebens m Amerika (1730—1796). Schon der gewichtige Schritt der Auswanderung darf als Äußerung der Unzufriedenheit mit dem traditionellen und verfestigten kirchlichen Leben und wohl teilweise auch mit den politischen Verhältnissen des kleinformatigen Absolutismus gedeutet werden. Die erste Phase in Pennsylvanien dauert nur etwa ein Jahr (1730/31); sie ist eng mit der zweiten verbunden (1731-1734/35): Peter Müller als Pfarrer der Reformierten Kirche, zunächst in Philadelphia, dann in Tulpehocken und in anderen Gemeinden am Conestoga.

Die entscheidendste und entschiedenste Wendung vollzog Müller 1735, die die letzte und längste Phase seines Lebens einleitete (1735-1796). Wollte man innerhalb seiner Klosterzeit nach einer Einteilung suchen, so ließe sich das Jahr 1768 nennen, in dem Müller als Nachfolger Beissels die Leitung des Ordens übernahm; doch hat dieser Wechsel weder für das äußere noch für das innere Leben Müllers eine verändernde Bedeutung.

Wenn von der geistigen Gestalt Johann Peter Müllers heute noch eine gewisse Anziehungskraft ausgeht, so liegt das wohl weniger in seinen Leistungen und Bemühungen auf verschiedenen Einzelgebieten begründet. Es ist vielmehr der Eindruck der Einheitlichkeit einer in sich vielseitigen Persönlichkeit vor dem Hintergrund und inmitten einer an Wandlungen bewirkenden reichen Zeit. Neben seinen geringeren Bemühungen um zivilisatorischen Fortschritt sind seine Verflechtungen in die Vorgänge einer neuentstehenden Nation schon von bedeutenderem Rang. Nach Umfang und Intensität zweifellos am meisten erfaßt, war Müller vom religiösen Denken und Fühlen der Zeit. Müller wie der ganze Ephrata-Orden gehört zu den Kräften im 18. Jahrhundert, die gegen das in Orthodoxie erstarrte Kirchenchristentum aufbegehrten und den Neubeginn des Glaubens in der Rückkehr zu seiner Ursprünglichkeit suchten. Dabei spielte das Gefühl die größere Rolle, wie auch die Erscheinungen des Pietismus, der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang zeigen. So wie diese Bewegungen stark aus individuellen Gefühlskräften gespeist wurden, so beharrte auch das Wiedertäufertum, zu dem Müller sich bekehrte, auf der individuellen und in der Erwachsenentaufe sichtbar gemachten Entscheidung des Einzelmenschen. Es bleibt eine Merkwürdigkeit der Idee Beissels, aus Menschen, deren Glaubenskraft stark der individuellen religiösen Intensität entsprang, eine Klostergemeinschaft zu bilden, die eigentlich nach mehr überindividuellen Glaubenskriterien verlangt. Vielleicht liegt in dieser Art Widersprüchlichkeit ein Grund für den Niedergang der Ephrata-Bewegung. Müller war, zumindest im Vergleich mit dem fanatisch-schwärmerischen Beissel, eine viel ausgeglichenere Persönlichkeit, dessen wacher Verstand dem religiösen Schwärmertum Grenzen setzte. Peter Müller und viele seiner Generation mögen große Erwartungen in die Entwicklung Amerikas gesetzt haben. Tatsächlich wurde an vielen Punkten des kolonisierten Landes nach patriarchalischem und christlichem Geist gelebt; Ephrata ist ein besonders auffälliges Beispiel dafür. Müller aber erkannte, daß Amerika diesen Weg nicht gehen würde. Schon fünfzehn Jahre vor seinem Tode sprach er diese Erkenntnis klar aus. Im Brief vom 12. Juni 1771 an Benjamin Franklin schrieb Müller, daß zwar noch Brüder und Schwestern im Kloster seien; „but shall not propagate the Monastic Life upon the Posterity; since we have no Successors, and the Genius of the Americans is bound another way"28. -„aber sie werden das monastische Leben nicht auf die Nachkommenden übertragen, da wir keine Nachfolger haben und der Genius der Amerikaner einen anderen Weg eingeschlagen hat."

So wurde Johann Peter Müller Zeuge, entscheidender Mitformer und Überlebender einer streng vom Glauben bestimmten deutschen Lebensgestaltung in Amerika; er sah ihre Anfänge, half, sie zu ihrer Blüte führen, und konnte ihren Niedergang nicht verhindern. Mit ihm endete Ephrata als geistige Kraft, auch wenn die Klostergemeinde formal noch bis 1934 fortdauerte.

Der Grabstein über Johann Peter Müllers Grab zeigt die Spuren der Verwitterung, doch ist die Inschrift noch deutlich zu lesen und kündet in knappen Worten von dem reichen Leben eines Pfälzers m Amerika.

Anmerkungen:

Wiederabdruck mit Genehmigung des Historischen Vereins der Pfalz aus: Mitteilungen des Historischen Vereins, Bd. Bibliographische Angaben wurden bereits geliefert! Übersetzung der engl. Zitate: K. Scherer.

1 Vgl. dazu Fritz Trautz, Die Pfälzische Auswanderung nach Nordamerika im 18. Jahrhundert. Heidelberg 1959.

2 Vgl. dazu u. a. John A. Hostetler, Amish Society. Baltimore 1963

3 Eine kurze Darstellung der Geschichte des Klosters von Eugene E. Doll, The Ephrata Cloister. Ephrata 1958.-Außerdem O. Seidenstricker, Ephrata, eine amerikanische Klostergeschichte, 1883.

4 Die Grabstein-Inschrift, die ich bei einem Besuch in Ephrata aufnahm, ist korrekt abgedruckt bei William John Hinke. A history of the Goshenhoppen Reformed Charge Montgomery County, Pennsylvania (1727-1819), S. 95 (Teil XXIX von: Pennsylvania: The German Influence in its Settlement and Development). Lancaster, Pa. 1920. Unvollständig und fehlerhaft wird die Inschrift wiedergegeben in dem sonst sehr gründlichen Buch von Julius Friedrich Sachse, The German Sectarians of Pennsylvania 1708-1800.2 Bde Philadelphia 1899/1900; II, S. 516.

5 Von der in Anm. 3 und 4 genannten Literatur, in der ältere Arbeiten zitiert werden, über Müller am besten Hinke a.a.O., besonders für die Jahre 1730 bis 1734; sehr materialreich, besonders für die spätere Zeit, Sachse a.a.O. Eine gute lexikographische Darstellung der Biographie Müllers (Millers) im Dictionary of American Biography, ed. by. Dumas Malone, Bd. 12, S. 632 ff. New York 1933.

5 a Georg Biundo, Pfälzisches Pfarrer- und Schulmeisterbuch; Kaiserslautern 1930, S.230

6 Pennsylvania German Pioneers. A Publication of the Original Lists of Arrivals in the Port of Philadelphia from l 727 to 1808 by R. B. Strassburger, edided by W. J. Hinke, 3 Bde. (BD. 42-44 der Veröff. der Pennsylvania German Society, Norristown, Pa. 1934); Bd. I, S. 32.

7 Zitiert bei Sachse, Sectarians 1,231.

8 Die Unterredung zwischen Müller und Böhm wird in einem Brief Böhms vom 12. Nov. 1730 ausführlich wiedergegeben; zit. bei Hinke, A history, S. 74 f.

9 Johann Peter Müller taufte vom August 1731 bis zum Juli 1734 in Goshenhoppen 69 Kinder, wie aus den wohl eigenhändigen Eintragungen im Goshenhoppener Kirchenbuch hervorgeht. Vgl. Church Records of the Goshenhoppen Reformed Charge 1731 -1833, translated and edided by W. J. Hinke (Teil XXIX der Reihe: Pennsylvania: The German Influence in its Settlement and Development). The Pennsylvania-German Society, Bd. 28, 1917 (veröff. 1922), S. 277-281.

10 Nachweise für seine Tätigkeit als Geistlicher in den genannten und in einigen anderen Gemeinden für die Jahre l 731-1734 bei Hinke, A history S. 78 ff.

11 Am 18. 10. 1734, zitiert bei Hinke, A history S. 87.

12 Zit. bei Sachse, Sectarians I, 241.

13 Nach Böhms „Getreuem Warnungsbrief“, Philadelphia 1742 ; zit. bei Hinke, A history S. 91

14 Zit. bei Hinke, A history S. 92 f.

15 Nach 1. Chronik 4,9: „Jaebez aber war herrlicher denn seine Brüder, und seine Mutter hieß ihn Jaebez, denn sie sprach: Ich habe ihn mit Kummer geboren."

16 Im folgenden Hauptsächlich nach Sachse, Sectarians, passim.

17 Vgl. Gen. 14, 18-20; Psalm 110, 4; Heb. 5-7; Melchisedek, der König von Salem, segnet Abraham; Christus ist ein Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks.

18 Provost der Schwedischen Kirchen in Amerika; zit. bei Hinke, A history S. 90, und bei Sachse, Sectarians II, 169 ff.

19 Vgl. das Portrait Müllers, (nicht abgedruckt! d. Hrsg.)

20 Abgedruckt in den Nachrichten von den vereinigten Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinden in Nord-America (Hallesche Nachrichten). Halle 1787, neu hg. von W. J. Mann und B. M. Schmucker, 1. Bd. Allentown, Pa. 1886, S. 469-471.

21 S. dazu bes. Sachse, Sectarians II, 404 ff.

21 a Julius F. Sachse, A Unique Ephrata Manuscript by Rev. Peter Miller (Prior Jaebez) prepared for and sent to Benjamin Franklin. Bd. XXI der Pennsylvania - German Society, Lancaster 1912.

22 Im folgenden Jahr vereinigte sich diese Gesellschaft mit der American Philosophical Society.

23 Abgedruckt bei Sachse, Sectarians 11,436 ff.

24 Brief vom 10. Oktober l 786 bei Sachse, Sectarians II, 435 f.

25 Doll, The Ephrata Clister S. 2 5.

26 Vgl. Sachse, Sectarians II, 426 ff. und Ira S. Franck, The Ephrata Story, o. O. l 964, S. 18 ff.

27 Zit. bei Sachse, Sectarians II, 43 8 f.

28 Bei Sachse, A Unique Manuscript.

Aus: "Alsenborn 872 - 1972" von Theodor Karst

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