Landgericht "uff dem Stamp" bei Alsenborn (von Professor Dr. Ernst Christmann, Kaiserslautern)

Im weit sich hindehnenden Stumpfwald zwischen Alsenborn und Ramsen ist ein besonderer Anziehungspunkt für Wanderer die Stelle, wo man in neuerer Zeit rund um einen höheren steinernen Sitz 9 niedrigere Steinsitze errichtet hat. Sie sollen daran erinnern, daß hier in alten Zeiten alljährlich die Vertreter von neun im Stumpfwald berechtigten Gemeinden zusammentraten, berieten, rügten und richteten. Aber der Stelle dieser Steinsitze bzw. da sie etwas neben dem richtigen alten Gerichtsplatz aufgestellt worden sind, dem wahren Gerichtsplatz, kommt noch eine andere und viel größere Bedeutung zu, und davon wollen wir sprechen.

Aber wer säen will, muß zuvor den Acker zubereiten. Das heißt in unserem Fall, daß wir zunächst den Namen der Höhe aufklären müssen, den wir immer wieder gebrauchen müssen, weil darauf das Gericht tagte. Es gilt also, den Widerspruch aufzuklären, daß unsere Überschrift von einem Landgericht "uff dem Stamp" spricht, man heute aber von neun Stühlen im "Stumpfwald" oder auch vom "Stumpfwaldgericht" redet. Die Frage lautet also; ist nun Stamp oder Stumpfwald richtig? Wir fragen zunächst: was soll man sich bei Stumpfwald denken? Etwa einen Wald aus Stümpfen, aus den stehen gebliebenen Resten gefällter Bäume, oder einen Wald, von dem ein Sturm nur Stümpfe übrig ließ?

Beides ist unmöglich; denn ein abgeholzter oder umgelegter Wald stellt ja immer nur einen vorübergehenden Zustand dar, und ein solcher wird wohl nicht Anlaß zu einer Namengebung sein. Auch hat niemand, der hier wandert, das Gefühl, über einen Bergstumpf zu schreiten, sondern eher über eine sich weit hinziehende Hochfläche, die mehrfach von Tälern zerschnitten ist. Dann kann "Stumpfwald" aber nicht richtig sein.

Prüfen wir also nach, wie unsere Alten sagten, wie der Name in ältester Zeit lautete; denn da muß er richtig, sinnvoll gewesen sein! Er ist zum Glück so früh wie leider nur wenig Namen bezeugt, nämlich schon 765, und zwar kurzweg als "Stamp", ebenso 1330 und 1357 und 1390. Das ist echt pfälzisch, genau wie "Strump" für hochdeutsches Strumpf und "Damp" für Dampf. Von 1494 "Stampf", von 1596 ab verlängertes "Stampfwald" und das leitet hinüber zu heutigem falschem "Stumpfwald". "Stamp" oder "Stampf" war alte Benennung für Gelände, in dem man infolge starken Anstieges stampfen, d. h. mit schweren Schritten gehen muß, und das trifft bei unserem Stampf zu, ob man von Alsenborn und dem Alsenztal aus oder vom Eistal her zur Höhe hinaufwandert. Wir könnten die gleiche Bodenbenennung noch öfter nachweisen, so vom oberen Teil der Haardt durch das Elsaß bis in die Schweiz, ersparen es uns aber.

Und nun zum Stumpfwaldgericht ! 1323 meldet eine Urkunde ein "Landgericht uff dem Stampfe", 1330 lesen wir von Sitzen (bzw. lat. sedes) für dieses Gericht. 1357 geht die Alsenborner Gemarkungsgrenze "bitz an die Stule off dem Stampf", im 14. Jahrhundert leider ist das genaue Jahr nicht zu ermitteln "bis gen Stamp beim Sesser", und "Sesser" meint die hier zum Gericht Sitzenden bzw. ihre Sitze. Im Jahr 1398 handelt wieder eine Urkunde vom "Landgericht off dem Stamp zwischen Stauffe und Alsinzborn, das heißt off den Stolen" (Stühlen). Dieses Landgericht war 1323 wie auch 1398 dem Grafen von Leiningen verliehen worden. Das kann aber nicht das eingangs erwähnte Waldgericht der neun Stumpfwaldgemeinden gewesen sein; das versahen die Beauftragten dieser Ortschaften allein. Vielmehr muß mit Landgericht ein Gericht gemeint sein, das für die Ortschaften in einem "Land", d. h. in einem weiten Bezirk ringsumher, dieselbe Bedeutung hatte, wie ein heutiges Amts und Landgericht zusammen mit noch einem Notar. Hier befand sich, seit die Gegend von Franken besiedelt war, eine sogenannte Dingstatt. Zwei oder dreimal im Jahr traten an ein für allemal festliegenden Tagen ihre Schöffen zusammen; in einem abgesteckten Kreis befanden sich ihre Sitze, in der Mitte ein erhöhter für den Vorsitzenden, und das war in ältester Zeit der Hundertschaftsrichter, später ein Schultheiß, oder Amtmann der Landesherrschaft, also 1323 und 1398 ein vom Graf von Leiningen abgeordneter. Es wurden leichte und schwere Vergehen, sogar todeswürdige Verbrechen abgeurteilt, auch die Ortschaften betreffende Angelegenheiten wurden besprochen.

In ältester Zeit hat den Richtersitz der Hundertschaftsrichter innegehabt. Das ist so zu verstehen: in der Zeit der merowingischen Könige, der karolingischen Könige und Kaiser und noch Jahrhunderte darüber hinaus war das deutsche Reich in Gaue eingeteilt. Die Gaugrafen waren als Verwalter und oberste Richter eingesetzt. Die Gaue waren wieder unterteilt in Hundertschaften, d. h. wohl ursprünglich in Verwaltungsbezirke von je hundert Familien, und darin war der sogenannte Hundo oberster Verwalter und Richter. Der Stamm "Hund" in diesem Richternamen ist auch in "hund"ert und somit in Hundertschaft enthalten. Irgendwo mußte der Hundo seinen Wohnsitz haben, ihm mußte Land zur Nutznießung zugewiesen sein als Entlohnung für seine Dienste. Da Alsenborn der Dingstatt "auf den Stühlen" am nächsten lag und liegt, müßten wir schon deshalb den Sitz des Hundo in diesem Dorf annehmen. Wir haben aber noch einen weiteren Grund. Um ihn klar zu machen, müssen wir uns am Sitze anderer Hundertschaftsrichter umsehen.

Zu Schifferstadt, wo ein entsprechendes Gericht "uff der Wisen" tagte, kennen wir ein "Hundhaus" als einstigen Wohnsitz, des Hundo. Ebenso konnte ich im Saarbrücker Stadtteil Malstatt, der seinen Namen nach einer wirklichen "Malstatt", d.h. Gerichts, Tagungsstätte, trägt, ebenfalls ein einstiges "Hundhaus" ausfindig machen, dazu auch dem Hundo gehörende "Hundwiesen", endlich zu Kirkel (zwischen Homburg und St, Ingbert) ebenfalls ein "Hundhaus" und "Hundwiesen". Als aber Hundertschaftsgericht und Hundo in Vergessenheit geraten waren, machte der Volksmund in beiden Fällen aus den "Hundwiesen" nun "Hundswiesen", als ob sie nach unserm vierbeinigen Hausgenossen benannt seien. Nun lesen wir 1608 zu Alsenborn von einer "Hundswise" und 1785 wiederum von "Hundswiesen". Wir sind aber nun berechtigt, auch hier auf älteres "Hundwiesen" zurückzuschließen. Folglich müßte es in jenen alten Zeiten zu Alsenborn einen Hundo gegeben haben, der auf der Dingstatt auf dem Stampf Richter war.

Und noch ein Grund kommt dazu: Alsenborn ist die älteste Siedlung im Umkreis der Stumpfwalddingstatt. 872 lesen wir bis jetzt seinen Namen zum ersten mal, und zwar als "Alsenzbrunne", d, h. "Quelle der Alsenz", und dieser Fluß entspringt ja im Dorf. Aber die erste Ansiedlung erfolgte hier um Jahrhunderte früher. Das konnte ich auf Grund folgender Überlegungen klarmachen; die früheren fränkischen Könige hatten keinen festen Wohnsitz, sondern hielten sich einmal in Aachen, einmal in Ingelheim, in Worms, in Metz, in Diedenhofen usw. auf. Sie konnten auf solchen Umzügen täglich höchstens 30, meist aber nur 20 - 25 Kilometer zurücklegen.

Nun reiste König Ludwig der Fromme 822 von Westen her über Saarbrücken und Kaiserslautern nach Worms und fertigte am 27. Oktober in Völklingen bei Saarbrücken eine uns erhalten gebliebene Urkunde aus und am 1. November eine solche in Eisenberg. Auf dieser Reise muß er viermal übernachtet haben und zwar in sogenannten Königshöfen zu Kirkel, Landstuhl, zu Alsenborn, in letzterem vom 30. zum 31. Oktober, um am * November in Eisenberg zu sein.

Solche Königshöfe als Versorgungs und Übernachtungsstationen, die einfache landwirtschaftliche Anwesen mit einer zusätzlichen Königsherberge waren, benötigten aber erst recht die merowingischen Könige schon im 6. Jahrhundert, als es in der Westpfalz entlang der Römerstraße von Saarbrücken nach Worms noch gar keine Dörfer oder gar Städte gab. Somit muß sich schon damals zu Alsenborn ein solches einzelnes Anwesen befunden haben. Es stand nicht im heutigen Dorfbereich, sondern etwas davon entfernt und höher, im "Hoffeld", nach dem der "Hofbrunnen" seinen Namen erhielt und ebenso der heute vergessene, aber 1680 und 1741 bezeugte "Hofweg".

Wer künftig wieder in den Stumpfwald hinauf zur alten Dingstatt "stampft", kann sich bei Stumpfwald und Stumpfwaldgericht nun etwas Richtigeres denken, als es bisher möglich war.

Anmerkung: Im Jahre 1934 wurde von der Gemeinde Alsenborn auf dem Schelmenkopf (Stumpfwald) das Landgericht "uff dem Stamp", später "Stumpfwaldgericht Neun Stühle" als Gedenkstätte errichtet.

Friedrich Weber schreibt in dem Buch Aus Enkenbachs Vergangenheit unter "Das Stumpfwaldgericht Neun Stühle" auf Seite 42 unter anderem folgendes:

Zur Feststellung der Örtlichkeit der Gerichtsstätte gibt es keine jetzt noch sichtbaren Überbleibsel (wenigstens hat man bis jetzt noch keine gefunden). Im Jahre 1604 müssen die Steinsitze, die als Stühle bezeichnet werden, noch vorhanden gewesen sein; denn Velmann erwähnt sie öfters als Anhaltspunkte für seine Grenzbeschreibung. In der AlsenbornEnkenbacher Beforchung von 1604 heißt es: " . . . gibt Wegweisung uf den 10ten Stein bei den Stüllen (d. h. Stühlen, der Verf.)." Das Appental hieß damals noch "Schachertal". Der "Schelmenkopff" war eine gebräuchliche Bezeichnung.

In der Grenzrenovation des Gerichtes Alsenborn von 1764/67 ist die Rede vom Stein Nr. 31 "bei denen Stühlen". Es ist ausdrücklich angegeben, daß dieser Stein im Jahre 1604 die Nr. 10 trug. Beschreibung des Steins: Steht rechts des Wegs (der Grenzumgang geschah in Richtung auf die heutige Stumpfwaldstraße, also hier von Norden nach Süden); er erhielt gegen den folgenden Stein die Nr. 31, links die Nr. 14 und dieses Zeichen +, rechts das kurpfälzische Rautenwappen und die Jahreszahl 1764, Der nächste Stein nach Süden trägt die Nr. 32. Er wird 1764 bezeichnet als neugesetzter Zwischenstein links des Weges "unfern unterhalb denen Stühlen, so in Kurpfalz Hoheit gelegen". Dieser Stein ist, genau wie der vorgenannte, noch erhalten. Er zeigt rechts gegen den Weg die Jahreszahl 1764, das Rautenwappen und die Buchstaben AEF (Alsenborn, Enkenbach und NiederFlörsheim besaßen hier die Waldabteilung "Flörsheimer Holz"). Links stehen die Nr. 15 und die später angebrachten Buchstaben KW (d. h. Königlicher Wald, heute Staatswald). Mit Hilfe dieser Angaben in den Grenzbeschreibungen und auf den noch vorhandenen Steinen können wir eine ziemlich genaue Lokalisierung des Stumpfwaldgerichtes vornehmen. Auch ist es uns möglich, festzustellen, daß sich die Gedenkanlage nicht ganz am richtigen Platze befindet. Am. jetzigen "Gericht" so heißt es kurzweg im Volksmund, steht der Stein Nr. 29, der in der Grenzbeschreibung von 1764 auch aufgeführt ist. Demnach müssen wir die wirklich geschichtliche Stätte des "Landgerichtes auf dem Stampe" und des Stumpfwaldgerichtes "Neun Stühle" rund 300 Meter südlich der Gedenkanlage suchen.

[zurück zu Historie]