Sagen und Legenden um Enkenbach-Alsenborn

"Auf dem Turm der Klosterkirche schlug es gerade zwölf Mal"
Die Mär vom Silberschatz der Nonnen - Vom Fräulein zur Kröte und umgekehrt - Ein sagenumwobener Baum und seine Geschichten

Enkenbach hat seinen Namen vermutlich von einem Treffpunkt an dem kleinen Gewässer, an dem früher die Hirten (althochdeutsch Enke) mit ihren Herden zusammmen kamen. Der Ort wird bei der Gründung des Klosters erstmals erwähnt und entwickelte sich in der Folgezeit in der Talmulde um die ehemalige Klosterkirche. Wie eng das Dorf und das Gotteshaus miteinander verbunden waren, lässt auch das frühere Gemeindewappen erkennen, dass neben einem Säulenbrunnen eine rote Kirche mit blauen Dächern und silbernen Fenstern zeigt.

1148 gründeten die Ritter Hunfried von Alsenborn und Ludwig von Arnstein das Kloster und übergaben es an Prämonstratenserinnen aus Marienthal am Donnersberg. Die Klosterkirche wurde um 1220 bis 70 aus rotem Buntsandstein erbaut. Die Nonnen gelangten durch Schenkungen und Stiftungen zu einigem Besitz. Unter anderem soll Hildegard von Hohenecken nach dem Tode ihres Verlobten eine fromme Stiftung an den Enkenbacher Konvent gemacht haben.

Kurfürst Friedrich III. Hob 1564 das Kloster auf und vertrieb die Nonnen. Die verlassene Einsiedelei, die durchziehendem Kriegsvolk als Lagerplatz und einheimischen Bauern als Stall und Scheune diente, beschäftigte zunehmend die Phantasie der Bevölkerung. Die Klosterfrauen galten in der Vorstellung des Volkes als reich, zumal sie vordem mancherlei Güter und Rechte sowie Äcker, Wiesen und Weiher besaßen. Die ansehnliche Pfründe und die grundherrlichen Rechte in Enkenbach und Alsenborn weckten naturgemäß Neid und Begehrlichkeit. Möglicherweise war in den unterirdischen Gängen und Gewölben der Abtei noch der beträchtliche Silberschatz der Nonnen versteckt.

Bei alten Gebäuden spielen verborgene Wege und Nischen immer eine große Rolle und geben Anlass zu vielerlei Vermutungen. Unter diesen Umständen entstand wohl die Sage über den Geizhals von Enkenbach die Victor Carl in den ersten Band seiner Sammlung "Pfälzer Sagen" (Landau 1967) aufgenommen hat.

Nur aus dem ersten Gewölbe

Es war im tiefen Winter. Ein Bauer aus Enkenbach, den bald der Geiz umbrachte, wollte einen arbeitsfreien Tag dazu benutzen, einmal der Mär von den Schätzen im unterirdischen Gang vom Kloster in Richtung Neuhemsbach nachzuspüren und sich nach Möglichkeit zu bereichern. Also spannte er die Pferde ein, obwohl er noch nicht wusste, wie er wohl an den Reichtum herankommen sollte.

Er war sehr erfreut, als vor dem Felsen ein Zwerg stand, der artig die Zipfelmütze hob und den Bauern einlud, ihm zu folgen. Beide traten in eine Höhle ein, die der Enkenbacher vorher nie gesehen hatte. Stufen führten hinab in eine Halle, die voller Gold und Edelsteine lag. Die Klosterherren und die Ritter von Dieburg bei Alsenborn mussten doch reiche Leute gewesen sein, fuhr es dem Schatzsucher durch den Sinn. Mit tiefer, rauer Stimme sprach der Zwerg neben ihm: "Du darfst nur aus dem ersten Gewölbe nehmen, die anderen sind für andere bestimmt!" Was der Kerl nur wollte! Es war doch nur ein Raum da!

Dann aber machte sich der Bauer über die Schätze. Er stopfte sich die Taschen voll, rannte hinaus und holte noch die beiden Futtersäcke der Pferde. Da öffneten sich plötzlich noch andere Gewölbe. Der Bauer dachte nicht mehr an die Warnung des Bergmännleins und rannte mal hier hin, mal da hin. Immer glaubte er, einige Schritte weiter lägen noch wertvollere Dinge. Mit lautem Knall schloss sich plötzlich das Felsentor. Der Bauer war gefangen. Dunkelheit herrschte ringsum wie in einem Grab. So sehr er auch suchte, nirgends fand er eine Öffnung oder einen Stein der nachgegeben und die Flucht ins Freie zugelassen hätte. Der Gefangene schrie, er fluchte, er betete. Was halfs?

Todmüde legte er sich schließlich auf die kalten Steine, und sein ganzes Leben zog an ihm vorüber. Als er all seine Schandtaten, seinen Geiz und seinen Wucher erkannte, gelobte er, ein anderer zu werden. Da drang Glockenton an sein Ohr, der Eingang öffnete sich, und befreit konnte der Bauer die Sonne wieder schauen. Wo aber war der Schnee geblieben und seine Pferde und sein Fuhrwerk? Sollte er so lange da unten in der fürchterlichen Höhle geschlafen haben? Völlig verstört näherte er sich der Kirche.

Er sieht die Beter und erkennt viele nicht mehr. Da kommt einer auf ihn zu, der dem Aussehen nach sein ältester, der Frieder sein könnte. Aber wie groß er ist, wie breitschultrig! Sollten Jahre vergangen sein? Und der Frieder erkennt den Vater und freut sich seines Wiederkommens. Sieben Jahre lang sei er fort gewesen, behauptet der Sohn. Die Mutter sei gestorben, und er habe geheiratet. Daheim warteten drei Enkelkinder auf den Großvater.

G. Mohler, ein hiesiger Autor, hat übrigens die lehrreiche Sage um die Klosterkirche zu einer erbaulichen Legende umgestaltet, die 1936 im "Christlichen Pilger" zu lesen war. In dieser Erzählung begegnet der Enkebauer keinem Zwerg, sondern einer lichten Frauengestalt. Nach seiner Reise durch die Zeit, während der er sieben Jahre und drei Monate in der Dunkelheit des Klosterganges verbrachte, erblickt er 1708 zu Ostern endlich das Tageslicht, als nach 144 Jahren erstmals wieder eine Messe in der Kirche Sancta Maria gefeiert wird.

In früherer Zeit bestimmten Land- und Forstwirtschaft weitgehend das Leben der Dorfbewohner. Die anwachsende Bevölkerung und die begrenzten Arbeitsmöglichkeiten für Bauern und Handwerker führten oft zu wirtschaftlichen Notlagen. In solchen Situationen entsann man sich gern unermessliche Schätze und eine helfende Frauengestalt. Friedrich Wilhelm Hebel, der rund 300 pfälzische Sagen sammelte, erwähnt einen Enkenbacher Handwerksburschen, der von einem großen Schatz an der Matzenberger Straße träumte. Helmuth A. Ulrich hat in seinem Buch "Wo es immer noch umgeht" (Otterbach 1962) die Geschichte so erzählt:

Das weiße Fräulein

"Drei Gesellen machten sich in einer finsteren Nacht von Enkenbach aus auf den Weg nach der dicken Eiche. Dem einen hatte geträumt, dass dort ein Schatz vergraben liege. Um die Mitternachtsstunde gruben sie in die Erde hinab und stießen gar bald auf den Deckel einer eisenbeschlagenen Truhe. Sie waren schon dabei, diese freizulegen und zu öffnen. Da erschien ihnen in der schwarzen Nacht eine weiße Frauengestalt und sprach: "Halt! Ehe ihr den Schatz hebt, müsst ihr drei Bedingungen erfüllen: Zum ersten: Ich erscheine in der folgenden Nacht als Kröte; dann müsst ihr mich küssen. Zum zweiten: In der weiteren Nacht bin ich ein schwarzer Pudel mit glühenden Augen. Auch den sollt ihr küssen. Zum dritten: In der nächsten Nacht bin ich wieder wie jetzt ein weißes Fräulein. Wenn ihr mich dann küsst, bin ich erlöst, und ihr sollt den Schatz haben. Tut ihr aber nicht so, wie ich gesagt, so werdet ihr in der Truhe nicht ein Krümchen finden."

Am folgenden Abend fanden sich die drei Burschen zusammen. Ehe sie den Gang zum Wald antraten, tranken sie noch einen Krug voll Wein und nahmen einen weiteren gefüllt mit. Sie spürten in sich den nötigen Mut. In Enkenbach schlug es auf dem Turm der Klosterkirche gerade zwölfmal, als sie bei der dicken Eiche anlangte. Sie fanden die Grube und darin die eisenbeschlagene Truhe. Da kam auf sie zu eine Kröte gehüpft, so groß wie ein Backofen und ganz feurig. Ja, nun war der erste Auftrag fällig. Aber den Gesellen grauste es, sie verloren allen Mut, so schaurig war das Ungeheuer anzusehen. Sie rannten dorfwärts. Der Schatz in der eisenbeschlagenen Truhe versank tief in die Erde, und keiner hat ihn mehr gesehen."

Die dicke Eiche soll übrigens dort stehen, wo der Weg von Hochspeyer nach Enkenbach sich mit dem Daubenbornerhof kreuzt. Der sagenumwobene Baum bildet überdies den Schauplatz einer weiteren Sage mit einem geschichtlichen Hintergrund. In ihr geht es um eine Kriegslist von 1794, als französische Truppen gegen die preußische Armee unter Möllendorf kämpften. Im "Pfälzischen Sagenbuch" von Friedrich Wilhelm Hebel (Kaiserslautern 1912) heißt dazu:

Der Trompeter an der dicken Eiche

"In der Nähe der dicken Eiche an der Matzenberger Straße ertönt zuweilen nachts bis zum Morgengrauen ein Hornsignal, ohne dass von Ross und Reiter etwas zu sehen wäre.

Einmal wollte sich die Frau des Enkenbacher Hirten noch vor Tagesanbruch einen Schubkarren voll Laub aus dem Walde holen. Sie hatte gerade die unterste Lage in ihrem ausgespritzten Tuche zurecht, als plötzlich dicht neben ihr eine Trompete schmetterte. Schnell leerte sie ihr Tuch aus, machte das Streusel wieder auseinander und fuhr ohne Laub nach Hause.

Wer aber ist der gespenstige Trompeter?

Es war zur Franzosenzeit. Das Revolutionsheer hatte das Gelände bis zur Hochstraße besetzt. Da kamen von Nordosten her die Preußen unter Möllendorf, warfen die Franzosen aus ihrer Stellung und jagen sie über den Geiersberg nach Hochspeyer hinunter und die Trippstadter Straße hinauf nach Pirmasens zu.

Den raschen Rückzug der Franzosen soll ein Trompeter verschuldet haben; der war als Überläufer aus dem Revolutionsheer zu den Preußen gekommen. Er kannte die französischen Signale und blies aus einem Versteck heraus zum Rückzug und der Ruf wiederholte sich bald auf der ganzen Linie der Franzosen."

Ob er ihnen später doch in die Hände fiel? Vielleicht wurde er gerade an dieser Stelle erschossen. Soviel ist gewiss: bei der dicken Eiche geht er heutzutage noch um und ruft die Geister der gefallenen Krieger zum Rückzug. Das Ereignis hat außerdem im vorigen Jahrhundert einen Verfasser namens Dr. Cal Pusch aus Ortenberg zu einem pathetischen Gedicht veranlasst, das 1910 in der Zeitschrift "Pfälzische Heimatkunde" erschien.

Die dicke Eiche von Enkenbach

<dt>Warum senkst du deine Zweige </dt>

Eine gewisse literarische Bekanntheit hat ebenso die sprichwörtliche Redensart "Er muss Hunde tragen bis nach Enkenbach" gefunden. Johann Goswin Widder meint dazu, das Sprichwort rühre daher, "dass in dem mittleren Zeitalter Fürsten, Grafen und andere Edle Männer, wann sie den Frieden gebrochen hatten, in der Kaiserlichen Burg zu Lautern mit dieser Straße belegt worden sind".

Friedrich Blaul hält dafür, "es sei außer Zweifel, dass im Mittelalter meuterische Vasallen der Kaiser in der Burg zu Kaiserslautern mit der bekannten Strafe belegt worden seien, einen räudigen Hund zu tragen und zwar bis zu dem Kloster Enkenbach". Währen August Becker die gleiche Ansicht über die oft gehörte Redensart äußert, wendet Fritz Claus die Angelegenheit ins Komische und Humorvolle. In seinem Gedichtband "Fröhlich Pfalz, Gott erhalt´s" spricht er von einem toten Hund in Alsenborn, dessen Leib mit Goldstücken gefüllt war. Der geschichtliche Kern der dunklen Redeweise liegt wohl darin, dass in alter Zeit gräflich-nassauische Untertanen Jagdhunde aus dem Westrich bis nach Enkenbach zu führen hatten, wo sie von der dortigen Herrschaft in Empfang genommen wurden.

Der tote Hund

 

Aus der Tageszeitung "Die Rheinpfalz" vom 06.01.2001

<dt>Wie in Trauer stolze Eiche?</dt><dt>Klang´s aus tiefem Waldestale </dt><dt>Jetzt nicht wie Alarmsignale?</dt><dt>Ein Trompeter ruht bestattet,</dt><dt>Von der Eiche still beschattet;</dt><dt>Unter grünbemoostem Steine </dt><dt>Schlummern friedlich die Gebeine.</dt><dt>Stand als Wacht´ auf Bergesgipfel,</dt><dt>Stieg dann in des Eichbaums Wipfel;</dt><dt>Preußen plötzlich in der Runde,</dt><dt>Die Trompete rasch zum Munde.</dt><dt>Weithin hört man sie erschallen,</dt><dt>Leise, leise dann verhallen;</dt><dt>Als zu Hülf Kam´raden kamen,</dt><dt>Tot sie in den Arm ihn nahmen.</dt><dt>Von den Feinden überfallen,</dt><dt>Fiel als einz´ger er von Allen;</dt><dt>Gab den Brüdern noch das Zeichen,</dt><dt>Um für Frankreich zu erbleichen.</dt><dt>Und verstrich auch ein Jahrhundert</dt><dt>Hört der Wandrer noch verwundert</dt><dt>Den Trompetenruf erschallen </dt><dt>Durch des Waldes grüne Hallen.</dt><dt>Aus Alsenborn zwei Bäuerlein,</dt><dt>Die warfen ´nen toten Hund</dt><dt>Einem anderen zum Fenster hinein </dt><dt>Zur mitternächtigen Stund´.</dt><dt>Der springt vom Bett: "Ihr Lumpenpack!" </dt><dt>(Die Schelme laufen davon).</dt><dt>Ist´s Rache? - Ist es Schabernack?</dt><dt>Hat man´s getan zum Hohn?</dt><dt>Er packt den Hund, schleppt ihn hinaus;</dt><dt>"Nein, ist der Kerl so schwer!</dt><dt>Der rappelt ja," so ruft er aus,</dt><dt>"Als ob er voll Taler wär!"</dt><dt>Aufschlitzt den Leib er. Was nicht gar!</dt><dt>Mit Gold gefüllt war der Hund.</dt><dt>Da schmunzelt das Bäuerlein; denn er war</dt><dt>Ein reicher Hund Mann von der Stund.</dt>

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