Wie der alte Krämer von Alsenborn zu seinem Reichtum gekommen ist

Unten am Diemerstein steht ein kleiner Röhrbrunnen und daneben ein Geschwisterpaar von Weidenbüschen. Früher waren es drei, die drei Goldenbäume. "Von daher hat der alte Krämer von Alsenborn seinen Reichtum," sagte die alte Prinzelisett zu mir, als wir an einem Sonntagmittag den holperigen Weg hinunter schritten. Und die muss es wissen, die ist ja nebenbei in dem kleinen Häuschen, das mit dem Giebel an den Weg schaut und wie ein Schwabennest am Berg hängt, vor vielen Jahren schon geboren und hat da ihre Kindheit verlebt.

Das Thal ist lange nicht mehr so schön wie früher," meinte sie. Natürlich, ihr Lebensmai liegt ja auch schon weit weit hinter ihr. Und doch liegt in diesem stillen, fast allzu stillen Thälchen noch so ein kleines Häuschen, das allerletzte, zu dem das dralle Bauernmädchen der Umgegend, sowie die zierliche Städterin gepilgert - bloß die Busenfreundin darf davon wissen - schüchtern und verschämt, als ob es ein unrechter Gang wäre. Und so halb unrecht ist er auch, die Mutter darf es nicht wissen, und "Er" darf es erst recht nicht wissen. Heute will sie ja eine Frage frei haben an ihr Schicksal, sie will wissen, ob "Er" sie liebt und ihr treu bleibt, ob es der Schwarze oder der Blonde ist, dem sie ihr Herz zuwenden soll. Heute hört sie ja von falschen Freundinnen, von "Ränken und Schlänken", von Kinderwissen und auch wieder von einem glücklichen Ausgang; von einer künftigen Erbschaft, von einer großen Reise, ja auch auf weit hinaus oder auf recht bald von schönen Kindern, die auf ihrem Schoße spielen werden: ja, das alles liest die Alte aus ihren Karten heraus. Und wie dann unter dem Mieder das Herz pocht, wie die Augen bald aufflammen oder verschämt sich senken, wie dann auf einmal die Röthe das ganze Gesichtchen und den schneeigen Hals bis hinab unter die Perlenschnur überfliegt, und die eine Hand hält die Augen zu und die andere wehrt ab!

"Ja, die Alte weiß doch etwas!" Sagt sie nachdenklich zu ihrer Freundin, als sie wieder draußen sind aus der Schwüle des engen Stübchens, draußen auf dem Pfad neben dem hellen Bächlein, eingefasst von der gelben Butterblume und dem blauen Vergißmeinnicht. Und gerade als wir an den drei Weidenbüschen waren, wo der alte Krämer sein Glück geholt, da sah ich wieder zwei schmucke Mädchen, sie kamen von dem letzten Häuschen des Thales. Haben Sie dort auch ihr Glück geholt? Wer weiß?

Aber, von den drei Weidenbüschen hat mir ja die Prinzelisett erzählt und ich bin durch die zwei Grazien so weit abgekommen! Doch es liegt hier alles so nahe beisammen in dem engen Thälchen, das von dem großen, weiten Gotteshimmel nur anderthalb Tagwerk sein eigen nennt, wie scherzend der Schloßverwalter von Diemerstein oft sagt. Also, der alte Krämer, natürlich der ganz alte, der schon lange im Grabe ruht und den die Großmutter gekannt hat, der hatte eines Nachts einen Traum: Er solle auf die Rheinbrücke gehen, hinaus nach Mannheim, dort werde er sein Glück finden! Von Alsenborn nach Mannheim ist ein weiter Weg, zumal wenn man ihn zu Fuß machen muss, denn damals ging der Köln-Basler Schnellzug noch nicht. Kein Wunder, dass man sich nicht auf den ersten besten Traum hin in der Welt herum narriren lässt. Aber die folgende Nacht lehrte ihn dasselbe, und jetzt war es sein Weib, das ihn zu der Reise drängte. Damals stand zwischen Mannheim und der Rheinschanze noch die Schiffbrücke und zwei Soldaten standen darauf Doppelposten. Wie nun der alte Krämer sich eine Weile auf der Brücke herumtreibt, immer die Dielen zu seinen Füßen betrachtend, da klopft ihm der eine Posten auf die Schulter und fragt, was er da suche. "Ich suche mein Glück", sagte der Angeredete, "So und so hat mir zweimal geträumt." - "Pah!" Lacht der Soldat, "mir hat auch geträumt. Ich solle an den Diemerstein, unter dem dritten Weidenbusch am Bollesbrunnen läge ein großer Schatz; drei Hiebe mit einer breiten Hacke machten ihn frei. Was weiß ich, wo der Diemerstein liegt und wie soll ich den Weidenbusch suchen!" Der alte Krämer von Alsenborn kannte den Diemerstein und an dem Bollesbrunnen hatte er schon oft Wasser getrunken, wenn ihn sein Weg dort vorbeiführte. Er sagte zu dem Soldaten kein Wort, ging heim und hob den Schatz.

"Da hat man leicht reich werden!" Fügte die Prinzelisett halb seufzend hinzu. Sie hat noch keinen solchen Schatz gefunden, und den einzigen, den sie je gehabt, den deckt seit lange schon der Rasenhügel.

Erzählt von Karl Kleeberger, erschienen in "Neuer Pfälzischer Kurier" 11.10.1892

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