Der Abtstein in Mehlingen

Unweit der Kaiserstraße bei Mehlingen, in einer Ödung, erhebt sich ein nahezu 2 m hoher und 46 cm breiter, aus weißgrauem Otterberger Sandstein gearbeiteter, weithin sichtbarer Stein. Im Volksmund ist er als "Abtstein" bekannt.

Auf der nach Süden gerichteten Seite steht auf einem breiteren Sockel die 1,50 m hohe Gestalt eines Mannes im langen geistlichen Gewand, mit über der Brust gefalteten Händen. Der Kopf ist schon ganz verwittert und durch Bubenhände verstümmelt. Links vom Kopf befindet sich eine kugelförmige Erhöhung von etwa 10 cm Durchmesser, sicherlich ein Teil des kaum noch sichtbaren Krummstabes.

Vermutlich hat besagter Stein vor fast 400 Jahren schon genau oder so ähnlich ausgesehen, denn bei der Beforchung der Waldgemark am 10. September 1600 schreibt Forstmeister Philipp Vellmann von ihm: "... und stoßt bei diesem Stein zur linken Hand ein sehr großer und langer Stein gegen dem Dorf Mehlingen, ungefähr eine Ackerläng, daran ist das gantz Bild eines Abtes samt seinem Stab gehauen und gehet derselbig Stein diese Beforchung nichts an, will auch niemand wissen, was der Stein bedeutet, dieweil aber dieser Orth "Im Abtsthal" genannt, will davor gehalten werden, daß solcher Stein das gantze Abtsthal zum Otterberger Gut weißet, welches gleichwohl mit Kolben deswegen strittig".

Weil auch bis heute noch kein Mensch weiß, was der Stein bedeutet, hat sich der Volksmund seiner angenommen und folgende gruselige Geschichte überliefert: Als in alter Zeit das Kloster Otterberg Besitzungen in dieser Gegend hatte, war ein Sproß aus einem hier ansässigen Geschlecht Abt des Klosters. Sein Bruder aber hatte das väterliche Gut übernommen. Als sich beide wieder einmal auf dem elterlichen Besitz trafen, gerieten sie in heftigen Streit. Der Abt entfloh, verfolgt von den Dienstleuten des Bruders, die ihn einholten und erschlugen. Als der Bruder von der Untat erfuhr, ließ er den Ermordeten an der Stätte seines Todes begraben. Zum ewigen Gedenken ließ er den Stein errichten und schenkte, weil ihn das Gewissen quälte, seinen gesamten Besitz dem Kloster Otterberg.

Aus: "Neukirchen - Mehlingen - Baalborn, Geschichte der Dörfer auf dem Kreis" von Arnold Ruby

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