Spitznamen der Einwohner von Neukirchen, Mehlingen und Baalborn

Bis in die ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts gingen die Dörfer auf dem "Kreis" in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht getrennte Wege. Auch familiäre Beziehungen waren nicht häufig, es gab nicht viel "Herüber und Hinüber".

Jedes Dorf hatte seine eigene "Kerb" und gerade an den Kirchweihtagen ging es hoch her und selten ohne Streit ab. Ein gespanntes Verhältnis war immer vorhanden und in den Wirtschaften und Tanzsälen meistens "dicke Luft", erst recht, wenn ein Bursche sich ein Mädchen aus dem anderen Dorf zum Tanzen holte, oder gar ein "festes Verhältnis" anstrebte.

Das Stichwort "Besenbinder", "Hohlwampe" oder "Baalborner Stier" genügte schon, um die Zornesadern auf den Stirnen anschwellen zu lassen und eine allgemeine Keilerei auszulösen. Darum gingen die jungeurschen nie allein auf die andere "Kerwe", sondern immer in größerer Gesellschaft. Das gab Rückhalt und Mut zugleich, für den Fall, dass den einen oder anderen "der Hafter stach". Woher kamen die Spitznamen, die von den Ortsansässigen als Beschimpfung empfunden wurden?

In Neukirchen gab es auch in der "guten alten Zeit" genug arme Leute. Sie wohnten in der Regel in den Gemeindehäusern, z. B. im alten Hirtenhaus auf dem Schulhübel. Ihre Kinderzahl war stets beträchtlich und die vielen hungrigen Mäuler waren kaum satt zu kriegen. Da verdienten sich die älteren Männer durch Besenbinden und Korbflechten zusätzlich etwas Geld. Die fertigen Waren verkauften sie an die ortsansässigen Bauern und auf den Nachbardörfern gegen entsprechendes Entgelt oder Naturalien. Das brachte ihnen den Spitznamen "Besenbinder" ein.

In Mehlingen wohnte vor 100 Jahren in einem alten Häuschen ein bejahrter Mann namens Christian Heß, der etwas beschränkt zu sein schien. Er hatte als Soldat bei den kaiserlichen Kürassieren gedient, und weil er ein starker Esser war, regelmäßig doppelte Portionen erhalten. Der Mann war ledig, ein Fechtbruder obendrein und wurde von den Kindern, wenn sie ihm begegneten, mit dem Schimpfwort "Hohlwampe" bedacht. Der Spitzname übertrug sich auf das ganze Dorf.

In Baalborn unterhielten sich um die Jahrhundertwende oder früher einige Gemeinderäte und Bauern in der Wirtschaft über kommunale Angelegenheiten. Als sich dabei die Gemüter erhitzten, soll der Ausspruch gefallen sein: "Die Hälft' der Baalborner Gemeinderät' sind Ochsen!"

Diese ließen sich das natürlich nicht gefallen und brachten den alten Sprenger, so soll jener Mann mi der schnellen Zunge geheißen haben, vor den "Kadi". Vor Gericht sollte er seine frevelnden Worte entweder beweisen, oder als unwahr zurücknehmen. Das erstere konnte er nicht, aber das letztere tat er mit den Worten: "Die Hälfte der Baalborner Gemeinderäte sind keine Ochsen!" Damit war zwar die üble Nachrede annulliert, aber niemand konnte wissen, was sich der spitzbübische Angeklagte dabei gedacht hatte. Und damit hatten die Baalborner ebenfalls ihren Spitznamen weg, den noch heute keiner ungestraft auszusprechen wagt.

Aus: "Neukirchen - Mehlingen - Baalborn, Geschichte der Dörfer auf dem Kreis" von Arnold Ruby

[zurück zu Historie]