Johannes Maurer (1786 - 1850)

Ihr seid das Licht der Welt. Also lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus, 5, 14a und 16)

Er ist ein kalter Wintertag, der 8. Januar 1809. So wagen sich nur ein paar Schaulustige vor die Tür, als mittags 12 Uhr der Polizeisergeant vor dem Amtshaus in Neukirchen laut verkündet:

Der 22-jährige Ackerer Johann Maurer, wohnhaft in Erlenbach, geboren in Grünstadt, Sohn des Samuel Maurer und seiner Ehefrau Katharina, geborene Kinzinger, beabsichtigt die ebenfalls 22-jährige Jungfer Katharina Eier, wohnhaft in Obermehlingen und geboren daselbst, Tochter des Jakob Eier und seiner Ehefrau Katharina, geborene Schenck, zu ehelichen

Wer gegen diese Heirat, welche, so Gott will, am 24. Januar 1809 stattfindet, Einwände vorzubringen hat, soll dies zu Protokoll geben.

Sie kennen sich schon einige Monde, der junge Mann aus Erlenbach und die hübsche Katharina aus Obermehlingen. Kennen gelernt haben sie sich bei den Gottesdiensten der Amischen in Obermehlingen.

Zuerst sind es nur scheue Blicke gewesen, dann sind sie sich näher gekommen, aber immer unter den Augen ihrer Eltern. Die haben aber bald von beiden Seiten keine Einwände gegen eine Verbindung der jungen Leute. Dennoch muss alles nach Anstand und Sitte und in der Ordnung vor sich gehen.

So treffen sich die beiden Verliebten kaum an anderen Tagen als am Sonntag. Aber als die Elternpaare den Ernst ihrer Kinder spüren, sich aneinander zu binden, verabreden die Alten an einem Sonntag nach der Heuernte des Jahres 1808 eine Zusammenkunft beider Eltern und der Kinder in Obermehlingen.

Im Sonntagsstaat kommen die Erlenbacher angefahren. Samuel Maurer, der Vater und sein Sohn Johannes sind mit ihrem ungeschorenen Haupthaar und dem Backenbart wie Patriarchen anzuschauen. Den breitkrempigen Hut halten sie in der Hand. Ansonsten ist ihre Kleidung schlicht und nur mit Haften aneinander gehalten.

An der Tür erwarten die Gastgeber schon ihre werten Gäste. Sie haben sich auch herausgeputzt. Will doch jede Familie zeigen, dass sie etwas vorzuweisen hat.

Man setzt sich zu Tisch. Der Hausvater spricht das Tischgebet. Dann erst gibt es leckeren Topfkuchen zu essen. Und Frau Katharina Eier vergisst gegenüber Frau Katharina Maurer nicht zu betonen, dass ihre Tochter Katharina ihn gebacken hat.

Da sind also an diesem Nachmittag drei Katharinen an einem Tisch versammelt. Und wenn dieser Name fällt, dann kann die Gesellschaft mit zunehmender Vertrautheit nicht immer sofort ausmachen, wer denn nun gerade gemeint ist.

Nach dem Essen dürfen sich Johannes und Katharina nach draußen auf die Bank im Hof begeben. Und die beiden Frauen haben auch plötzlich in der Küche zu tun. Und so sind die Väter, was ja auch so eingeplant ist, unter sich. Und es geht zur Sache. Aber man ist sich schnell einig. Denn ein Hindernis tut sich vor den beiden Familien überhaupt nicht auf. Das ist der Glaube. Beide gehören zu den Amischen und kennen sich von da her schon lange Jahre. Also ist die Heirat ihrer Kinder gar bald abgemacht.

Als die Familien wieder beisammen sind, geben die beiden Elternpaare den jungen Leuten zur Heirat ihren Segen. Die zwei schon gesetzteren Katharinen wischen sich ein paar Tränen der Freude aus den Augen. Und die Brautleute geben sich, noch ein wenig verschämt, aber überglücklich, den ersten Kuss, ihren Verlobungskuss. Dann wird der Hochzeitstermin vereinbart. Es soll Anfang des nächsten Jahres geheiratet werden. Und Johann soll auf dem Hof seines künftigen Schwiegervaters mit seiner jungen Frau wohnen.

Es ist spät, als die Kutsche der Maurers den Eierschen Hof verlässt und wieder nach Erlenbach zurückfährt. Für beide Familien geht ein erlebnisreicher Tag zu Ende.

Am 15. Januar 1809, um 12 Uhr mittags verliest der Polizeisergeant vor dem Amtshaus in Neukirchen wieder eine Bekanntmachung.

Er ruft zum zweitenmal das Aufgebot aus des 22-jährigen Ackerers Johann Maurer, wohnhaft in Erlenbach, mit der 22-jährigen Katharina Eier, wohnhaft in Obermehlingen. Und er tut, wie es die Vorschriften erfordern, nochmals kund und zu wissen, dass Einwände gegen die beabsichtigte Verbindung der beiden jungen Leute noch bis zum Hochzeitstermin am 24. Januar zu Protokoll gegeben werden können.

Die Zeit ist ins Land gegangen. In der großen Welt hat die Ära Napoleons ein Ende gefunden. Aber nun streiten sich statt der großen Herren wieder die kleinen. Es geht auch um das Land „uff’m Craiß“. So nennt man die Hochfläche rund um Mehlingen.

Aber die Menschen überall in den Landen sind der politischen Ränkespiele ziemlich müde. Sie ziehen sich in beschauliche Häuslichkeit zurück. Spätere Generationen werden diese Jahre die Zeit des Biedermeier nennen.

Familie Maurer in Mehlingen verspürt solche Beschaulichkeit nicht. Tag um Tag geht es in Haus und Hof hart zu. Und Jahre mühevoller Arbeit auf dem Eierschen Hof liegen schon hinter der auch nicht mehr jungen Familie.

Aber auf ihrer Arbeit hat Gottes Segen geruht. Johann und seine Katharina haben wohl geratene Kinder und sind zu bescheidenem Wohlstand gelangt. Und Johann hat es in seiner neuen Heimat zu Ansehen gebracht. Er gilt als fleißig und tüchtig.

So ist er inzwischen in der Gemeinde der Amischen ein auch im Umkreis gern gehörter und geachteter Prediger. Und im Jahre 1830 wird er gar zum Bürgermeister gewählt.

Wir schreiben den 25. August 1830. Johannes Maurer sitzt in der Abendstunde in seinem Amtszimmer vor einem leeren Blatt Papier und starrt aus dem Fenster. Es war heute ein heißer Sommertag gewesen. Regen täte dem Land gut.

Aber der Bürgermeister, der gerade wenige Wochen sein neues Amt ausübt, hat andere Sorgen. Und plötzlich tauchen auch Bilder der Erinnerung in ihm auf und überkommen ihn.

Nun hat er es zu etwas gebracht. Nun ist er mit 43 Jahren zum Bürgermeister gewählt worden. Und er hat sich dazu wählen lassen, obwohl ihm das Amt eines amischen Predigers nicht gerade wenig Arbeit macht.

Nach dem Tode seines Schwiegervaters 1818 und dem Tod seiner geliebten Frau 1824 liegt die ganze Verantwortung von Haus und Hof auf seinen Schultern.

Ja, das ist ein unaussprechbar schmerzlicher Verlust gewesen, als er vor nun schon 6 Jahren seine Katharina auf dem Friedhof in Wartenberg zur letzten Ruhe hat betten müssen. Da sind seine fünf Söhne und drei Töchter plötzlich ohne Mutter da gestanden. Und alle noch Kinder. Das älteste hat damals gerade 14 Jahre gezählt. In den Wochen der Trauer hat er hart mit seinem Gott kämpfen müssen. Und nur sein unerschütterliche Glaube an einen trotz allem gütigen Gott hat ihn letztendlich wieder aufgerichtet.

So hat er wieder zugepackt und es nun zu etwas gebracht.

„Aber auf seinen Wohlstand darfst du nicht dein Leben bauen.“ So geht es ihm oft durch den Kopf. „Diesem Wohlstand verdankst du auch nur Gott. Und so musst du für mehr Gerechtigkeit in der Welt und gegen die Armut nach deinen Kräften anzugehen versuchen. Eben gerade in der heutigen Zeit, in der vielerorts, wie schon in den letzten Jahren, wieder von Missernten landauf und landab gesprochen wird.“

Des Bürgermeisters Augen richten sich vom Fenster weg auf ein Papier, das an der Wand seiner Amtsstube hängt:

Ihr seid das Licht der Welt. Also lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Matthäus, 5, 14a und 16)

Entschlossen taucht Johannes Maurer seine Feder in die Tinte und beginnt, einen Brief an das Landkommissariat in Kaiserslautern zu schreiben:

An das wohllöbliche königliche Landkommissariat zu Kaiserslautern

In der Gemeinde befanden sich zwei ganz verarmte Individuen. Sie waren so herunter gekommen, dass sie sich nicht einmal mehr ehrbar bedecken konnten. Zu dem waren sie so voller Unreinlichkeit, dass es zum Erbarmen war, und dieselben niemand der Unreinlichkeit wegen aufnehmen wollte. So fand man sich höchst genötigt, sich derselben anzunehmen und ihnen ein wenig Kleidung nebst vier Hemden, damit sie sich bedecken konnten, auf Rechnung der Gemeindekasse anzuschaffen. Für diesen Betrag hat das unterzeichnete Bürgermeisteramt die Ehre, die Kosten zur gefälligen Genehmigung vorzulegen.

Mit vollkommenster Hochachtung

das Bürgermeisteramt

Maurer

Bürgermeister ist Johannes Maurer von 1830 bis 1845. Während seiner Amtszeit werden u.a. Ödungen in den Gemeinden verkauft und kultiviert, an den Schulhäusern Backöfen gebaut und Baumschulen eingerichtet, das Schulgeld der Armen von der Gemeindekasse bezahlt, das Faselvieh regelmäßig vom Tierarzt untersucht, die Fleischbeschau eingeführt.

Wir schreiben den 21. Oktober 1850. Es ist ein milder Herbsttag. Von der Kaiserstraße her bewegt sich ein langer Leichenzug an der Wartenberger Kirche vorbei hinauf zum Friedhof.

Johannes Maurer, der Altbürgermeister von Mehlingen, 64 Jahre alt, ist tot. Nun wird er zur letzten Ruhe neben seiner Katharina beigesetzt.

Dem Sarg voran schreitet gemessenen Schrittes der protestantische Pfarrer Kemmer aus Sembach. Und er geleitet bei diesem Gang einen Mann, mit dem er freundschaftlich verbunden war.

Die Träger lassen den Sarg in die Grube gleiten. Dann tritt Pfarrer Kemmer vor. Und seine Leichenrede lässt die Menschen noch einmal aufhorchen und erkennen, welchen Mann sie da aus ihren Reihen verloren haben:

Andächtige Trauerversammlung, im Herrn Geliebte!

Mein Beruf ist es eigentlich nicht, hier am Grabe das Wort zu ergreifen. War der Entschlafene doch nicht Mitglied der evangelischen Kirche. Wenn ich es aber dennoch tue, so geschieht es, weil der Verstorbene einer Gemeinschaft angehört, die mit unserer Landeskirche im Glauben verbunden ist.

Mit dem Entschlafenen ist ein bewegtes Leben zu Grabe gegangen, ein Leben reich an frohen Erfahrungen, aber auch an Schmerz und Tränen. Unter glücklichen Familienverhältnissen verflossen ihm die Tage der Jugend. Eine schöne Aussicht bot sich dem Jüngling dar auf die Zukunft. Mit einer treuen Lebensgefährtin verbunden, waren die ersten Jahre seines ehelichen Lebens reich gesegnet. Acht Söhne und Töchter sind der glücklichen Verbindung entsprossen. Doch damit der Selige auch die Schattenseite des menschlichen Lebens kennen lerne, so sollte er bald schmerzlich heimgesucht werden. Heute sind es gerade 26 Jahre, da stand er tiefbewegt unter jenem Rosenhügel an einem Grabe, in dem die Hülle der treuen Lebensgefährtin schlummert. Einsam und allein trug er von da an die Last und Bürde der häuslichen Sorgen. Und eins seiner Kinder um das andere sah er aus dem väterlichen Hause scheiden, zum Teil, um in weiter Ferne sich eine Heimat zu suchen.

Aber bei alle dem zeigte er sich als erprobter Mann im häuslichen Kreise nicht minder als im öffentlichen Leben. 16 Jahre stand er mit seltener Redlichkeit und Uneigennützigkeit an der Spitze der Verwaltung der hiesigen Gemeinde. Die Achtung, die er genoss, und die Liebe, mit der man ihm zugetan war, sind sprechende Zeugnisse seines Charakters und der Tüchtigkeit.

Wie sehr seine Glaubensgenossen ihn schätzten, dafür spricht, dass sie ihn schon als jungen Mann zu ihrem Lehrer und Prediger bestellten, welches Amt er 34 Jahre verwaltet hat. Und seine Worte seien nicht vergessen. Vor allem aber jenes Wort, das er oft in seinem Munde führte: Ihr seid das Licht der Welt, also lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Trauerversammlung! Das hat euch der entschlafene Vater und Prediger oft ans Herz gelegt. So lasst das Licht, das er euch aufgesteckt, leuchten. Haltet euren Lehrer in gutem Andenken. Und Gott, der Herr, erwecke euch wieder einen anderen Lehrer, der mit gutem Wandel euch vorleuchtet und beständig ist in Lehre, Zucht und Vermahnung. Amen

(Hrsg. von den „Mehlinger Geschichtsfreunden“ L. Horter, F. Jacobs, O. Koch), Schriftsatz von F. Jacobs

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