Wilhelm Otto Münch (1817 - ?)

Nimmer wird’s gelingen, Zucht mit Ruten zwingen

Er war ein sonniger Frühlingstag, dieser Sonntag Palmarum, der 3. April anno 1887. Wilhelm Otto Münch saß behaglich am Stubenfenster und blickte aus dem zweiten Stock hinaus in seinen Obstgarten. Er genoss die warme Mittagssonne.

Ein wahrhaft ereignisreiches Wochen-ende lag hinter ihm! Da hatte er gestern zum letzten Mal Schülerinnen und Schüler aus Neukirchen aus der Schule entlassen und ihnen zum Abschied ein Gedicht von Julius Sturm mit auf ihren künftigen Lebensweg gegeben:

Du wanderst in die Welt hinaus Nimm auf die Schultern Last und Müh’

Auf dir noch fremden Wegen; Mit frommem Gottvertrauen

Doch folgt dir aus dem stillen Haus Und lerne, wirkend spät und früh,

Der treusten Liebe Segen. Den eignen Herd dir bauen!

Ein Ende nahm das leichte Spiel, Halt hoch das Haupt, was dir auch droht,

Es naht der Ernst des Lebens, Und werde nie zum Knechte!

Behalt im Auge fest dein Ziel Brich mit dem Armen gern dein Brot

Geh keinen Schritt vergebens! Und wahre seine Rechte!

Gerader Weg, gerades Wort! Treib nicht mit heil’gen Dingen Spott

So will’s dem Mann gebühren, Und ehre fremden Glauben,

Wer Ehre sich erwählt zum Hort, Und lass dir deinen Herrn und Gott

Den kann kein Schalk verführen. Von keinem Zweifler rauben!

Und nun ein letzter Druck der Hand

Und eine letzte Bitte:

Halt’ dich getreu im fremden Land

Zu deines Volkes Sitte!

Was wird aus „seinen Ältesten“ künftig werden? Sie waren ihm in all den Jahren ans Herz gewachsen. Er hatte sie gelehrt, was er vermocht und was sie vermochten. Darum traf es ihn auch bei jeder Entlassung. Es war ihm Jahr um Jahr, als ob er ein Stück seines Lebens hingäbe.

Ja, was wird aus den Kindern werden, die er gestern aus der Schule entlassen hatte? Es gab immer noch viel zu viel Armut ringsum. Was hatte er in den letzten 17 Jahren als Armenpfleger der Gemeinde nicht an Elend mit ansehen und erfahren müssen.

An einen Fall erinnerte er sich noch genau. Er erlebte ihn vor einigen Jahren. Da musste bei einer Person 1 Gulden und 9 Kreuzer an Gemeinde-Geldern eingetrieben werden. Im Nichtzahlungsfalle war eine Pfändung der „Mobilien und Effekten, der Früchte auf dem Speicher oder auf der Wurzel, der Weine im Keller oder am Stocke“ vorzunehmen. So hatte es auf dem Zahlbefehl der Steuereinnehmerei wörtlich gestanden.

Aber die Person konnte nicht zahlen. Da musste er sich, um zu pfänden, gemeinsam mit dem Bürgermeister und mit zwei Zeugen in der Wohnung des „Gemeindeschuldners“ umsehen. Diese Durchsuchung war niederschmetternd. In der Stube befand sich ein Bettgestell mit Stroh und Lumpen gefüllt. In der Küche stand eine alte Kiste, in der gebetteltes Brot lag. Da gab es nichts zu pfänden.

Ja, die Armut ringsum war nicht beseitigt. Er wünschte „seinen Ältesten“ von Herzen eine bessere Zukunft.

„Wilhelm Otto Münch“, so sprach er zu sich selbst, „nun bist du 47 lange Jahre Lehrer in diesem Dorf gewesen. Eine lange Zeit! Es waren Tage des Glücks und des Leids.“

Gestern war er auch als Lehrer in den Ruhestand versetzt worden. Da hieß es ebenso für ihn, Abschied von der Schule zu nehmen. Dazu hat es eine schöne Feier gegeben. Es waren eigens ein Vertreter des Bezirksamtes, der Schulbehörde und natürlich der Bürgermeister erschienen.

Man hat die üblichen Reden gehalten und ihm seine Entlassungsurkunde ausgehändigt. Dann kam etwas, was ihn berührte. Der Vertreter der Kammer des Inneren überreichte ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die Kinder des Ortes wie auch um die Belange des Dorfes eine Auszeichnung: Er bekam die Ehrenmedaille des Ludwigsordens verliehen.

Dem wollte auch die Gemeinde nicht nachstehen. Sie schenkte „ihrem“ Schulmeister ein rotes Kanapee, damit er sich von der Jahre Müh und Last nun auch wirklich ausruhen könne.

Damit hatte er nicht gerechnet. Waren seine Verdienste so groß? Der Siebzigjährige erinnerte sich an vergangene Ereignisse seines Lebens. Sein erster Tag in der Schule in Neukirchen kam ihm in den Sinn:

Es war am 2. März anno 1840, ein Montag. Da trat er als junger Lehrer seine Stelle auf dem „Schulhewel“ in Neukirchen an. Der Hilfslehrer Johannes Orth hatte bisher aushilfs-weise die Kinder unterrichtet. Doch nun übernahm er, Wilhelm Otto Münch, ein aus-gebildeter Lehrer, dieses Amt. Am Schullehrerseminar in Kaiserslautern hatte er studiert und mit gutem Ergebnis sein Examen bestanden.

Auf dem Weg zum Schulsaal klopfte aber auch das Herz eines Studierten ein wenig schneller als sonst. Es erwarteten ihn 132 Buben und Mädchen.

Doch der Lehrer war gut vorbereitet. Er wollte die Kinder, die sicher auch voller Ungeduld warteten, gleich am ersten Tag und in der ersten Stunde wissen lassen, in welchem Geist er künftig Schule zu halten gedachte und was er den Buben und Mädchen abverlangen wollte. Von Anfang an sollten die Grenzen unmissverständlich abgesteckt werden. Auf ein großes Blatt Papier hatte er ein Gedicht in schöner Schrift aufgeschrieben. Es war von Walther von der Vogelweide. Das Papier nahm er nun mit in die Klasse. Zum Beginn des Unterrichts wollte er es vorlesen und besprechen:

Erziehung

Nimmer wird’s gelingen, Schande käm euch in den Kauf. Zucht mit Ruten zwingen; Böse Reden nehmt nicht auf,

Wer zu Ehren kommen mag Oder seid ihr Toren? Dem gilt Wort so viel als Schlag.-- Hütet eure Ohren! Dem gilt Wort so viel als Schlag,

Wer zu Ehren kommen mag; Hütet eure Augen!

Zucht mit Ruten zwingen, Die zu Mustern taugen,

Nimmer wird’s gelingen. Solche Sitten lasst sie seh’n,

Alle bösen untergeh’n!--

Hütet eure Zungen! Alle bösen untergeh’n,

Das geziemt den Jungen. Lasst sie solche Sitten seh’n,

Schiebt den Riegel vor die Tür, Die zu Mustern taugen!

Lasst kein böses Wort herfür!-- Hütet eure Augen!

Lasst kein böses Wort herfür,

Schiebt den Riegel vor die Tür! Hütet wohl der dreien,

Das geziemt den Jungen: Leider allzu freien!

Hütet eure Zungen! Zungen, Augen, Ohren sind

Zuchtlos oft, für Ehre blind.--

Hütet wohl die Ohren, Zuchtlos oft, für Ehre blind

Oder seid ihr Toren? Zungen, Augen, Ohren sind, Böse Reden nehmt nicht auf! Leider allzu freien!

Schande käm euch in den Kauf.-- Hütet wohl der dreien.

Ja, nach diesen Maßregeln hat er all die Jahre versucht, „seine“ Kinder zu erziehen und zu bilden.

Es gab für ihn für viele Jahre übervolle Klassen! Aber das war landauf und landab so. Die Bevölkerung wuchs stetig und auch die Schulbehörde wachte strenger als in den Jahren zuvor über einen regelmäßigen Schulbesuch der Kinder.

So war Lehrer zu sein kein Zuckerschlecken. Bis zu 36 Stunden Unterricht musste er wöchentlich erteilen. In der Dorfschule gab es dazu die unterschiedlichsten Altersstufen und Begabungen. Die saßen alle in einem Saal.

Der Lehrerberuf brachte auch kein großes Ansehen. Die Besoldung lag unter der eines Gendarmen. In den ersten Jahren seiner Amtszeit hatte er sogar noch von jedem Kind ein Schulgeld einzutreiben. Das machte ein Drittel seines Jahresgehaltes aus. Den Rest zahlte die Gemeinde, teils in Naturalien. Ab anno 1861 erhielt er auch Zulagen vom Rentamt.

„Ja, das ist alles schon lange her“, sprach er zu sich selbst. „Auch meine vier Kinder sind nun erwachsen und verheiratet. Ich bin bereits stolzer Opa.“

Heute morgen sind die Kinder nach dem gestrigen Festtag wieder heimgefahren. Sein Ältester, der Philipp, ist auch einige Jahre Pfarrer in Kusel. Er hat einen neunjährigen Sohn: den Paul. Dieser aufgeweckte Bub ist der ganze Stolz des Vaters und des Opas.

Allmählich wurde es kühler. Wilhelm Otto Münch stand auf und ging in die Stube. Er war ein wenig unruhig. Irgendetwas fehlte. Da wurde es ihm bewusst: Er stand morgen nicht mehr vor „seinen“ Kindern. Also brauchte er sich am Sonntagnachmittag auch keine Gedanken mehr zum morgigen Unterricht zu machen. An dieses Leben als Pensionär musste er sich erst gewöhnen.

PS. Wilhelm Otto Münch zog nach seiner Pensionierung fort. Sein neuer Wohnort ist uns nicht bekannt. Nach Berichten älterer Mitbürger soll er aber nach seinem Tode – das Datum ist uns auch nicht überliefert – in Neukirchen bestattet worden sein.

Der Enkel von Wilhelm Otto Münch, Paul Münch, wurde nachmals der bekannte Pfälzer Mundartdichter. Er lebte von 1879 bis 1951.

Mundartdichter Paul Münch (1879 – 1951),

Enkel von Wilhelm Otto Münch

(Hrsg. von den „Mehlinger Geschichtsfreunden“ L. Horter, F. Jacobs, O. Koch), Schriftsatz von F. Jacobs

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