Das Schloss der Grafen von Sayn-Wittgenstein

Auf den Ruinen der im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 zerstörten Burg der Freiherren von Flersheim ließ 1715 Graf Friedrich Ludwig von Sayn-Wittgenstein, der Kommandant der kurpfälzischen Husaren in Kaiserslautern, das Schloss Neuhemsbach errichten. Das schöne Gebäude mit seinen geräumigen Ökonomieanlagen stand achtzig Jahre, um dann auch der Kriegsfurie zum Opfer zu fallen. Es wurde 1794 (oder 1795?) von den Franzosen ausgeplündert und angezündet. Bei den sattsam bekannten Versteigerungen der französischen Domänenverwaltung in Mainz kam der ganze Schlossberg mit der Ruine und der Kirche unter den Hammer. Fünf Neuhemsbacher Bürger ersteigerten den ehedem gräflichen Besitz im Auftrage der Kirchengemeinde Augsburger Konfession um 1800 Gulden. Für die arme Gemeinde war dies eine schwere finanzielle Belastung, und sie war gezwungen, die Mauersteine der Ruine an Baulustige in der Umgebung zu verkaufen. An manchem Haus in Neuhemsbach, am Altersheim Eselsmühle, sogar an der Synagoge in Münchweiler kann man Baumaterial nachweisen, das vom Neuhemsbacher Schloss stammt. Bis auf die Grundmauern wurden die Gebäude abgetragen. Es stehen heute nur noch die Kirche und das Alte Amtshaus. Nachdem der Geißberg im 19. Jahrhundert mit Wohnhäusern bebaut wurde, fällt es heute sehr schwer, sich ein Bild von der Gesamtanlage des Schlosses zu machen. Im Staatsarchiv in Speyer gibt es zwar eine besondere Archiv-Abteilung "Sayn-Wittgenstein" mit einem schönen Bestand an Urkunden und Akten, ein Plan oder ein Bild von unserem Schlosse war jedoch nicht aufzutreiben. Nach vielem nutzlosen Bemühen ist es nun gelungen, im Fürstlich wittgensteinischen Archiv in Berleburg eine Grundrisszeichnung und ein Bild von der Fassade des Westflügels zu entdecken.

Die Gesamtlage

Über die Gesamtlage des Schlosses lässt sich ein Schriftstück aus dem Jahre 1761 folgendermaßen aus: "In gleich bemeltem Amt Neuhemsbach befindet sich auf einer niedrigen Anhöhe eine à la Moderne à quarrée noch neu und sehr pläisant mit einigen wohl ausmöblierten Zimmern, besonders sauberer an das Schloss angebaute Schlosskapelle, 2 Höfen, wovon der Schlosshof ganz en quarrée gebauet, auch verschiedenen Gärten, vielen a parte aufgeführten Bedientenhäusern, auch einen ganzen Trainwohnungen und Zugehörungen für unterschiedene notwendige Handwerksleute versehen, situiertes Schloss, welches auswärts mit Feldern und Weihern und Wiesen umgeben, auch anebst mit Waldungen". Anhand des von C. OL. Rudolphi 1770 angefertigten Schlossplanes können wir feststellen, dass der Inhalt dieses sprachlich so verklausulierten Berichtes sachlich vollständig richtig ist. In Neuhemsbach steht auf "niedriger Anhöhe", d. i. auf dem westlichen Ausläufer des Geißberges, heute noch Schlossberg genannt, ein im Viereck, im Quadrat errichtetes, nach der damals neuesten Mode erbautes Schloss. Die Gebäude waren um einen quadratischen Hof angelegt, der durch eine breite Treppe zugänglich war. Es sind also deutlich drei Flügel zu unterscheiden. Im Erdgeschoß sind die Gänge der drei Flügel so angelegt, dass sie ihr Licht vom Innenhof erhalten. An allen vier Ecken erkennen wir die damals üblichen vorbauten, die dem Schloss ein wichtigeres Aussehen verleihen. Das Bild von der Westfassade (gegen das Hemsbachtal zu) zeigt uns die barocken Formen des Daches und des Kirchturms. Das Gebäude ist dreistöckig. Seltsam ist, dass ein Geometer im Jahre 1764 auf einer flüchtigen Skizze vom Schloss nur zwei Stockwerke mit zwei Reihen Fenster übereinander einzeichnet.

Die Schlosskirche

Sie ist gänzlich in den Nordflügel des Schlosses eingebaut. Weil auf der Südseite infolge des anklebenden Schlossflügels keine Lichtzufuhr möglich war, errichtete man auf der Nordseite zwei Reihen Fenster übereinander. Nachdem das Herrschaftshaus verschwunden war, blieb das Kuriosum mit den Kirchenfenstern bis auf den heutigen Tag: Auf einer Seite gar keine, auf der anderen Seite zwei Reihen Fenster. Im Kirchenraum erinnert noch an die alte Zeit der marmorne Altar, an dessen Frontseite das Signum FL sichtbar ist. An der Südwand ist ein prunkvolles Grabdenkmal für den Amtmann Erasmus Strack angebracht. Auch in die Nordwand ist eine durch Sitzbänke verdeckte Gedenktafel mit Inschrift eingelassen. Unter dem Steinboden der Kirche war eine Gruft, in der nachweislich eine Fürstin von Pappenheim, der Amtmann Erasmus Strack und seine Gemahlin beigesetzt wurden.

Der Turm ist auf dem Plan in zweifacher Hinsicht anders dargestellt als die heute noch nachweisbaren Verhältnisse bezeugen. Einmal nimmt er in seinem Durchmesser nicht die ganze Breite des Kirchenschiffes ein, zum anderen steht er mit seinen sechs Seiten frei vor der Kirche. Auch die Maße der Zeichnung sind nicht ohne weiteres auf die Wirklichkeit übertragbar. Die Kirche hat eine lichte Breite von 8 m, der Turm von 4,45 m. Die Länge misst innen 13,50 m, außen 18,20 m. Legt man diese Größen zugrunde, so ergibt sich bei der Umrechnung dreimal ein anderer Wert für die Einheit "Fuß".

Die Gebäude um den Hinterhof

Der Hinterhof zeigt eine unregelmäßige viereckige Form. Ihn ziert ein schöner Springbrunnen (Z). Aus einer Eingabe des Hofjägers Georg Theophil Schneider vom 04. April 1758 nach Berleburg erfahren wir, dass diese "Fontaine" von einer wasserspeienden Figur gekrönt war. In dem genannten Jahre waren die Teile des Brunnens, nämlich das "Baßain", der "Crantz", Die "Statua" und "sämtliches Mauerwerk" reparaturbedürftig, und Schneider suchte um die erforderlichen Mittel zur Instandsetzung an. Die zum Betrieb des Springbrunnens notwendige Wasserleitung wurde gespeist von einer Quelle in der Nähe des Lustgartens. Schon die Flersheimer Burg hatte eine Wasserleitung, die allerdings ihr Wasser von dem über 1 km entfernten Flomborn bezog.

Der Hinterhof war von drei Seiten mit Gebäuden umgeben. Nach Süden zu kam zuerst die Beschließerei, also das Pförtnerhaus, von dem aus der Aufgang von der Alsenbornerstraße bewacht wurde (B). Anschließend folgte ein großer Stall (D) und Scheunen (E, F, G). Dieses Ökonomiegebäude diente der Bewirtschaftung des bäuerlichen Schlossgutes. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes waren die herrschaftlichen Stallungen (H) für die Reit- und Kutschpferde, dann die Remisen für die Kutschen (J, K). Gegen Osten abgeschlossen wurde dieser Komplex durch das sogenannte Alte Amtmannshaus (C), das heute noch steht.

Backhaus und Brennerei

Graf Friedrich Ludwig, der General, sorgte für eine repräsentative Hofhaltung. Der eigene Bauernhof erbrachte die notwendigen Nahrungsmittel, die bei Bedarf von eigenen Handwerkern weiterverarbeitet wurden. Zum Schlosse gehörten ein Backhaus, ein Brauhaus, eine Branntweinbrennerei, ein Schlachthaus, eine Schmiede, eine Schlosserei und eine Werkstatt für den Küfer. Diese Werkstätten und die Wohnungen für die Handwerker lagen entlang dem Weg, der zur Sippersfelder Straße führt, an der sogenannten Allee (Auf der Zeichnung: L,M,O,P,Z,R,S,T,W,V,U). Über die Einrichtung der Werkstätten, des Brauhauses usw. sowie über die Tiere in den verschiedenen Stallungen, außerdem über alle Möbel und Gerätschaften des Schlosses gibt es ein ausführliches Inventarium im Fürstlich Wittgensteinischen Archiv in Berleburg.

Die Gärten

Wie der Landwirtschaft und der Viehzucht (einschließlich der Schweine-, Hühner- und Taubenzucht) so wurde auch dem Gartenhaus große Aufmerksamkeit geschenkt. Unmittelbar um das Herrschaftshaus zog sich ein Gras- und Kleegarten von 2 Vierteln und 4,5 Ruthen Größe. Hinter dem Hühnerhaus (X) begann der sogenannte Lustgarten, also der Garten zum Lustwandeln, eben der Schlosspark. Er hatte eine Größe von 4 Morgen und ist heute Ackerland. Der Vorgarten zum Park ist heute ebengefriedet. Die Absätze im Gelände kann man noch deutlich erkennen. Umgeben war der Lustgarten von einem großen Küchengarten, in dem auch ein Bienenhaus stand.

Die abschüssigen Teile des Schlossberges waren um 1770 noch wenig bepflanzt. Es heißt in einem "Generalextrakt" über den herrschaftlichen Besitz, dass der Berg um das Schloss bis dato noch "unbrauchbar" sei. Er solle aber nunmehr mit Spazierwegen versehen und mit Kastanien-, Mandel- und Maulbeerbäumen besetzt werden.

Aus: "Neuhemsbach in der Nordpfalz, 2. erweiterte Auflage" von Friedrich W. Weber und Rudolf Bechberger

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