Der Schloßenfeiertag

Ein besonders lokaler, kirchlicher Feiertag wird am 02. Juli in Neuhemsbach begangen, der Schloßenfeiertag. Es herrscht Sonntagsruhe im Dorfe, eine auf die Bedeutung dieses Buß- und Bettages hinweisender Gottesdienst wird in der Schlosskirche abgehalten. Beim Pfarramt Sippersfeld liegt ein Dokument, das die geschichtliche Grundlage des Schloßenfeiertages folgendermaßen aufzeigt:

"Nach dem Wunsche und Verlangen von Herrn Pfarrer Höpfner in Sembach, welcher es in diesem Jahre übernommen hat, hier Gottesdienst zu halten, sieht sich das Presbyterium der evang. prot. Gemeinde dahier veranlasst, die mündliche Überlieferung von dem Schloßenfeiertag, so wie wir es von unsern Eltern und Großeltern gehört und vernommen haben, schriftlich aufzuzeichnen und dieses als Urkunde unsern Nachkommen zu hinterlassen, damit sie wissen, welche Bedeutung dieser Tag für sie hat. Nach Angabe eines Mannes, der 1756 hier geboren und 1836 hier gestorben ist, welchen mehrere von uns gekannt, mit ihm gesprochen und die Erzählung aus seinem Munde gehört, ist seine Entstehung vom Jahre 1760, den 02. Juli, wie wir ihn jetzt noch feiern. Die Annäherung jenes schrecklichen Wetters haben wir jedoch aus anderem Munde, ebenfalls Urväter, welche aber damals noch nicht hier, sondern mehrere Stunden Wegs entfernt wohnten und erst später hierher kamen, welche lautet, dass eine Mutter ihre Familie aufforderte, auf die Knie zu fallen und zu beten, denn der jüngste Tag sei da, man höre in der Luft ein Getöse, alswenn alle himmlichen Herrscharen im Anzuge wären, um mit der Welt das Gericht zu halten, und einige Tage nachher erhielten sie die Nachricht, dass Neuhemsbach fast gänzlich zerstört sei. Was wir von ersterem und noch andern gehört haben, ist folgendes: dass diejenigen, welche es auf freiem Felde ereilte, mit blutenden Köpfen nach Hause kamen, aber daselbst seien fast alle Ziegeln auf den Dächern und Glasscheiben in den Fenstern, wie auch alle Früchte und sonstigen Nahrungsgewächse auf dem Felde zerschlagen und vernichtet gewesen. Darüber erschreckt und mit bangen Sorgen erfüllt, was sie essen oder trinken und womit sie sich kleiden würden, kamen sie zu ihrem Seelsorger mit der Bitte, mit ihnen im Gotteshause Trost und Hilfe von Gott zu erflehen, der die Raben speise und die Lilien kleidet. Und Gott hat ihre Angst angesehen und ihr Gebet erhört und der damaligen Obrigkeit, dem Grafen von Sayn-Wittgenstein, das Herz erweicht, dass sie auf dessen Eigentum Holz fällen und zum Verkaufe ausführen durften, um sich Lebensunterhalt zu verschaffen. Als nun ein Jahr verflossen war und keines sich über Not und Mangel zu beklagen hatte, so beschlossen sie einmütig, diesen Tag als einen besonderen Bet-, Buß- und Danktag für die hiesige Gemeinde festzusetzen. Und so wurde er dann auch, soviel uns bekannt, nun schon über einhundert Jahre ununterbrochen gefeiert, dass man alle Sorgen vergisst und allein dem Herrn dient, dem alle Ehre gebührt. Unvergesslich sei der Tag bei den späteren Enkeln noch, er zeiget von der Väter Schar, was sie glaubten, was sie hofften, ja was ihre Zuflucht war in der Not, die sie getroffen und wie sie nicht zuschanden wurden, sondern fröhlich rühmen durften: Nun wohlan, es ist vollbracht, Gott hat alles wohl gemacht.

Neuhemsbach, den 28. Juni 1863

Das Presbyterium: Melchior Burgdörfer, David Kirch, Michael Burgdörfer."

Aus: "Neuhemsbach in der Nordpfalz, 2. erweiterte Auflage" von Friedrich W. Weber und Rudolf Bechberger

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