Die Schlosskirche in Neuhemsbach

Die Geschichte des Ortes Neuhemsbach beginnt mit den Rittern von Randeck, die als königliche Burgmannen zu Lautern für ihre Dienste Teile des sogenannten Königslandes zu Lehen erhielten. Als das Rittergeschlecht im 15. Jahrhundert ausstarb, brachte eine Erbtochter den Besitz an die Flörsheimer. Als 1611 auch dieses Geschlecht erlosch, kamen Burg und Dorf Neuhemsbach an die Grafen von Sayn-Wittgenstein. Graf Friedrich Ludwig, der Kommandant der kurpfälzischen Husaren in Kaiserslautern, ließ 1715 auf den Ruinen der im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstörten Burg das Schloss Neuhemsbach errichten. In den Revolutionskriegen der neunziger Jahre ging auch das Schloss in Flammen auf. Erhalten blieb jedoch das Mauerwerk der 1739 erbauten Schlosskirche.

Bei einer Versteigerung der französischen Domäneverwaltung in Mainz kam 1805 der Schlossberg mit der Ruine und der Kirche unter den Hammer. Die Kirchengemeinde erteilte vier Bürgern aus Neuhemsbach den Auftrag, den ehedem gräflichen Besitz zu ersteigern. Die Vollmacht hatte folgenden Wortlaut: "Wir zu Ende unterschriebene Gemeindeglieder der Augsburgischen Konfession daher erteilen hierdurch den Bürgern Abraham Burgdörfer, Christian Wittig, Johann Bader und Philipp Hormann, sämtliche daher in Neuhemsbach wohnhaft, die Vollmacht, in unserem Namen das dahier befindliche Schloss unter nachfolgenden Bedingungen zu ersteigern: 1. Machen sich obengenannte Bürger als in unserem Namen aufgestellte Steigerer hierdurch verbindlich, dass sie den allenfalls sich ergebenden Verlust, den gedachte Ersteigerung nach sich ziehen sollte, auf sich allein nehmen und tragen wollen, dagegen aber jeden etwaigen Gewinn oder Vorteil zur Behauptung der dem Schloss adhavierenden Capelle oder Kirche als ein freiwilliges Geschenk widmen oder stiften, sogar Rechnung über Einnahmen und Ausgaben dereinst stellen solle. 2. Werden obige Bürger zugleich beauftragt sich zur Erreichung unseres gemeinsamen Wunsches in Ersteigerung dieses Schlosses bei ihrer Reise nach Mainz an den dortigen General-Präsident Pitsch zu wenden und dessen Fürsprache und Empfehlung zur Beförderung unseres löblichen Vorhaben zu erbieten. 3. Sollte auf den Fall der Möglichkeit in Ausführung unserer Absicht es einst für dienlich erachtet werden, mit jener Capelle auch noch ein Schul- und Gemeindhaus zu verbinden und diesen Flügel des Schlosses einzuverleiben, so übergeben wir diesen vier Bürgern völlige Freiheit und Vollmacht nach ihrer besten Einsicht und Gutachten dabei zu verfahren, und den etwaigen Gewinnßt ganz und ohne eingeschränkt zu diesem löblichem Zustand."

Die zerstörte Herrschaft wechselte daraufhin für 1800 Gulden den Besitzer. Für die arme Gemeinde bedeutete dies eine große finanzielle Belastung, so dass man gezwungen war, die Mauersteine der Schlossruine zu verkaufen, um das Gotteshaus wieder herstellen zu können.

Die heutige Schlosskirche war ursprünglich die Kapelle des Schlosses der Grafen von Sayn-Wittgenstein, das in beherrschender Lage an dem Schnittpunkt zweier Täler errichtet war. Die Kirche galt als Bestandteil des Schlosses, zumal sie gänzlich in dessen Nordflügel eingebaut war. Weil auf der Südseite wegen des dort angefügten Schlossflügels keine Lichtzufuhr möglich war, brachte man auf der Nordseite zwei Reihen Fenster übereinander an. Dieses Kuriosum blieb, auch nachdem das Herrschaftshaus abgerissen war, bis auf den heutigen Tag: Auf einer Seite keine, auf der anderen Seite gleich zwei Reihen Fenster.

Der mächtige, 33 Meter hohe Turm der Kirche, das Wahrzeichen von Neuhemsbach, ist eigentlich der umgebaute Bergfried der Burg bzw. des Schlosses. Der Sechseckturm mit Haubendach ist demnach ein ehemaliger Wehrturm. Karl Busch schrieb dazu in einem Beitrag zum Kirchenjubiläum 1989: "Der stattliche Turm, die wunderbare, erhabene Lage auf dem Schlossberg, die barocke Fassade der Nordseite und das ansprechende Innere lassen ahnen, wie prächtig die Schlosskirche in ihren Anfängen des 18. Jahrhunderts gewesen sein muss bis zu ihrer Zerstörung im Jahre 1894. Und wie steht es heut um sie? Vor 22 Jahren hat man den Entschluss gefasst, das ehrwürdige Bauwerk wieder in einen Zustand zu versetzen, der seinem früheren gräflichen wenigstens nahe kommen sollte".

Die heutige Kirche hat eine lichte Breite von 8 Metern, der Turm von 4,45 Metern. Ihre Länge misst innen 13,50 Meter, außen 18,20 Meter. Man betritt das kurze Schiff durch das Portal des Turmes und eine weitere Tür. Der Raum ist durch die zwei Reihen Fenster und die verwendeten Farbtöne in ein helles Licht getaucht. Rechts sehen wir einige Kirchenstühle mit den Plätzen für die Presbyter, links den Altar an zwei Pfeilern, die gleichzeitig die Stützen für die Empore bilden. Weiter zur Linken ist der Platz des Pfarrers und der Aufgang zur Kanzel. Durch den Gang zwischen den Sitzbänken der Gemeinde gelangen wir zu einer Stiege, die zu der Grafenloge hinaufführt.

Der Altar verdient unser eingehendes Interesse. Er ist mit einer Platte aus prächtigem Marmor bedeckt und zeigt auf der künstlerisch gestalteten Frontseite das Signum FL und die Grafenkrone. Die Stützen zu beiden Seiten sind reich verziert und tragen einen Korbbogen mit zwei trauernden Puten und vielfältigem Bandelwerk. Die Stuckarbeiten aus dem Jahr 1739 schaffen im Vordergrund die Umrahmung für das Altarbild, das eine Kreuzigungsszene in ungewöhnlicher Perspektive zeigt. Weil das ursprüngliche Bild verloren ging, stiftete der Akademische Kunstmaler Heiner Schumann aus München 1967 ein Gemälde für den noch vorhandenen Rahmen. Der Gekreuzigte befindet sich nicht frontal in der Darstellung, sondern schräg zum rechten Bildrand versetzt. Über ihm sind die Beine des Schächers zu seiner Linken zu erkennen. Der andere Schächer hängt tief im Hintergrund des Bildes. Neben dem Altar ist es vor allem die eindrucksvolle Kanzel, die den gesamten Kirchenraum beherrscht.

Die Decke, Wände und Fenstereinfassungen sind mit Motiven aus den Stuckarbeiten des Altars reich verziert. An der Südwand ist ein prunkvoller Gedenkstein angebracht, den der Graf Friedrich Ludwig seinem tüchtigen Amtmann Erasmus Strack widmete. Das Grabdenkmal trägt in Übersetzung folgende Inschrift: "Der hier begraben liegt, war weyland der hochwohlgeborene und hochgelehrte Herr Erasmus Strack des hochgeborenen Grafen und Herrn Friedrich Ludwig Gustav zu Sayn-Wittgenstein-Homburg. Weyland hochgelernter Rat, war geboren den 26. Dezember 1673 zu Vathingen in der Grafschaft Wittgenstein, starb den 06. Februar 1734. Es ruhe in Frieden seine Seele. Zum Andenken des im Leben treu gewesenen Dieners hat dies..... aufrichten lassen."

Ein weiteres Grabdenkmal ist rechts neben der Eingangstür eingemauert. Das Epitaph von 1736, das an den Tod eines nur drei Tage alten Kindes erinnert, hat folgenden Wortlaut:

"Ich ward gewünscht Ich kam, ich lebt drey Tag nicht gar. Ich tranck, ich weint, Ich starb. Dies war mein Thun auf Erden. Fragt man ob ich dann blos dazu gebohren war? Nein, aber wol geschwind ein Engelchen zu werden. Fridericus - Carolus Sartorius."

Unter dem früheren Steinboden der Kirche, der nun durch einen gefälligen roten Marmorboden ersetzt wurde, war eine Gruft, in der eine Fürstin von Pappenheim, der Amtmann Erasmus Strack und seine Gemahlin beigesetzt wurden.

Die Kirche enthält eine kleine, aber historisch wertvolle Orgel. 1872 schloss das Presbyterium mit dem Orgelbaumeister Landolt in Heimersheim einen Vertrag, nach dem der Gemeinde eine ältere, aber gut überholte Orgel geliefert wurde, die den Räumlichkeiten der Kirche entsprach. Der Kaufpreis betrug 615 Gulden, wovon 215 gleich zu entrichten waren und der Rest bis spätestens 1876 gezahlt werden sollte. Diese wohlklingende Orgel war bis 1954 in Gebrauch. Dann erfolgte nach den Vorschlägen des Orgelsachverständigen der Pfälzischen Landeskirche eine große Renovierung, die durch die Gebrüder Oberlinger in Windesheim vorgenommen wurde. Während die bisherige Disposition geändert wurde, blieb der schöne alte Prospekt erhalten. Der Abnahmebericht stellt fest: "Die Gemeinde darf nun die Gewissheit haben, in ihrer Kirche ein dem Gottesdienst würdiges Orgelwerk zu besitzen und das aus der Vergangenheit überkommene Erbe bestens gewahrt zu haben." Bleibt noch zu erwähnen, dass der derzeitige Organist diesen wichtigen Dienst seit mehr als einem halben Jahrhundert mit großer Treue und Hingabe versieht.

Die Turmuhr der Kirche ist insofern bemerkenswert, als sie 1812 in Gebrauch genommen wurde und bis 1982 in Betrieb war. Sie wurde von Georg Roth in Neustadt angefertigt und musste dank der guten Pflege erst nach 170 Jahren durch eine neue Uhr ersetzt werden. Mittlerweile wurde die historische Turmuhr von Neuhemsbach sogar als Beispiel in ein Buch mit dem Titel "Meister der alten Turmuhren" aufgenommen, das die Uhrenstube Rockenhausen herausgegeben hat. Die Mittel für die neue Uhr wurden übrigens durch zwei Kirchenfeste erbracht.

Über die Glocken aus der Erbauungszeit der Kirche bis zur Französischen Revolution ist nichts bekannt. Nach dem Wiederaufbau lieferte die Gießerei Sprinkhorn & Schrader 1810 zwei Glocken, die im oberen Turmgeschoß aufgehängt wurden. Gut hundert Jahre später wurde die schwerere von beiden im Ersten Weltkrieg beschlagnahmt und für Rüstungszwecke eingeschmolzen. 1919 lieferte die Gießerei Pfeifer in Kaiserslautern zwei größere Glocken, die im Zweiten Weltkrieg abermals abgenommen und verhüttet wurden. Zehn Jahre lang ertönte nur noch der zarte Klang der kleinen Schrader-Glocke vom Turm.

1952 entschloss sich die Gemeinde, vier Gussstahlglocken anzuschaffen, zumal auch die Spenden dazu reichlich flossen. Die vier Glocken wurden vom Bochumer Verein gegossen und tragen folgende Inschriften. Gefallenen-Gedächtnisglocke: Gott wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein. Wenn ich ertöne, gedenkt der Söhne, die Blut und Leben dahingaben. Abendbetglocke: Der Herr ist nahe allen, die ihn mit Ernst anrufen. Mittagsbetglocke: Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein. Taufglocke: Sei getreu bis in den Tod. Das neue Geläute wurde unter großer Beteiligung der Bevölkerung am Himmelfahrtstag 1952 in einem festlichem Umzug eingeholt und am 25. Mai in einem feierlichen Gottesdienst geweiht.

Einmal im Jahr, am 2. Juli, rufen die Glocken die Gemeinde zu einem besonderen Gottesdienst. Es ist der sogenannte Schloßenfeiertag, der in Neuhemsbach wie ein Buß- und Bettag begangen wird. Der lokale kirchliche Feiertag geht auf ein schreckliches Hagelwetter vom 2. Juli 1760 zurück, bei dem verheerende Schloßen über das Dorf und seine Gemarkung niedergingen. Eine spätere Niederschrift von 1863, die im Pfarrhaus von Sippersfeld aufbewahrt wird, berichtet darüber unter anderem:

"Was wir von ersterem und noch anderen gehört haben, ist folgendes: dass diejenigen, welche es auf freiem Feld ereilte, mit blutenden Köpfen nach Hause kamen, aber daselbst auch fast keinen sicheren Zufluchtsort fanden. Nach Verlauf desselben seien fast alle Ziegeln auf den Dächern und Glasscheiben in den Fenstern wie auch alle Früchte und sonstigen Nahrungsgewächse auf dem Felde zerschlagen und vernichtet gewesen. Darüber erschreckt und mit bangen Sorgen erfüllt, was sie essen oder trinken und womit sie sich kleiden würden, kamen sie zu ihrem Seelsorger mit der Bitte, mit ihnen im Gotteshause Trost und Hilfe von Gott zu erflehen, der die Raben speise und die Lilien kleidet. Und Gott hat ihre Angst angesehen und ihr Gebet erhört, und der damaligen Obrigkeit, den Grafen von Sayn-Wittgenstein, das Herz erweicht, dass sie auf dessen Eigentum Holz fällen und zum Verkaufe ausführen durften, um sich Lebensunterhalt zu verschaffen.

Als nun ein Jahr verflossen war und keines sich über Not und Mangel zu beklagen hatte, so beschlossen sie einmütig, diesen Tag als einen besonderen Bet-, Buß- und Danktag für die hiesige Gemeinde festzusetzen. Und so wurde er dann auch, soviel uns bekannt, nun schon über einhundert Jahr ununterbrochen gefeiert, dass man alle Sorgen vergisst und allein dem Herrn dient, dem alle Ehre gebührt. Unvergesslich sei der Tag bei den späteren Enkeln noch, er zeiget von der Väter Schar was sie glaubten, was sie hofften, ja was ihre Zuflucht war in der Not, die sie getroffen und wie sie nicht zuschanden wurden, sondern fröhlich rühmen durften: Nun wohlan, es ist vollbracht, Gott hat alles wohl gemacht."

Was die geistliche Versorgung anbelangt, so hatte die einstige Schlosskirche keinen eigenen Pfarrer. Sie war vielmehr Filialkirche von Münchweiler an der Alsenz oder wurde von noch weiter entfernten Pfarreien betreut. Unter den Freiherren von Flörsheim, zu deren Herrschaft auch das Dorf Münchweiler gehörte, gab es bei der Besetzung der Pfarrstelle keine Schwierigkeiten. Der Landesherr war gleichzeitig Kirchenpatron. Die Grafen von Sayn-Wittgenstein, die ihnen nachfolgten, verloren dagegen die Herrschaftsrechte in Münchweiler, aber nicht das Patronatsrecht. Dies führte in der Folgezeit gelegentlich zu Auseinandersetzungen zwischen weltlicher Macht und kirchlicher Hoheit. Während der französischen Zeit wurde Neuhemsbach "Interimsfiliale" von Sippersfeld und war von 1805 - 1955 Parochialort dieser Kirchengemeinde. Seit dem 1. Januar 1956 ist die Kirchengemeinde Neuhemsbach Filialgemeinde der protestantischen Pfarrei Sippersfeld. Der Pfarrer von Sippersfeld hält alle 14 Tage den sonntäglichen Gottesdienst und versieht die Kasualien.

1989 war die Schlosskirche in Neuhemsbach 250 Jahre alt. Die protestantische Kirchengemeinde feierte das Jubiläum mit einem Festgottesdienst am Sonntag Exaudi bei strahlendem Sonnenschein. Pfarrer Klaus-Christian Hoffmann wies in seiner Begrüßung darauf hin, der Gottesdienst anläßlich des 250. Geburtstages der Schlosskirche sei einerseits ein Dankgottesdienst für die Bewahrung der Kriche, andererseits ein Bittgottesdienst dafür, dass die Kirche Zukunft habe. Kirchenpräsent Werner Schramm stellte in den Mittelpunkt seiner Festpredigt ein Wort aus dem 12. Kapitel des Johannes-Evangeliums: "Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen." Die Christen seien jedoch auf dem Holzweg, wenn sie meinten, dieser Spruch bedeute einen Ruf weg von der Verantwortung auf der Erde. Der Satz bedeute vielmehr, dass die Menschen auf Erden mit dem Geist Christi erfüllt werden. Christen hätten in zwei Bereichen des Lebens heimisch zu sein, sowohl in Staat und Gesellschaft als auch in der Kirche. Der Festgottesdienst wurde von Karl Busch an der Orgel und dem Neuhemsbacher Kirchenchor musikalisch umrahmt. Bei der anschließenden Feier in der Dorfgemeinschaftshalle gab es zahlreiche Grußworte von Vertretern des öffentlichen und kirchlichen Lebens.

Aus: "21 Kirchen des Landkreises Kaiserslautern - Vom Mittelalter bis zum Barock, Otterberg 1989" von Karlheinz Schauder

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