Kaiserstraße und Postwesen

Verdankte Sembach seinen Aufschwung vor der Französischen Revolution in erster Linie der Tatsache, daß es wartenbergischer Amtssitz war, so gab zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein anderer wichtiger Umstand der Entwicklung der Gemeinde neue Impulse: der Bau der Kaiserstraße. Schon 1798 regte der Präfekt des Saardépartements die Verlängerung der bestehenden Straßenverbindung Paris-Saarbrücken nach Mainz an. Als man 1806 mit der Realisierung dieser Idee begann, verfolgte man das Ziel das linksrheinische Département Donnersberg in politischer, wirtschaftlicher und vor allem militärstrategischer Hinsicht enger mit dem französischen Mutterland zu verbinden. Ursprünglich plante man hierbei nicht eine direkte Verbindung nach Mainz, sondern dachte vielmehr daran, "eine Straße über Kaiserslautern und Dürkheim nach Oggersheim zu bauen, von wo aus die Rheinstraße direkt nach Mainz führte". Erst eingehende Geländevermessungen, vergleichende Kostenvoranschläge und nicht zuletzt die durch die kaiserlichen Feldzüge im Osten notwendig gewordene Verlegung von Napoleons Hauptquartier nach Mainz gaben den Ausschlag für die noch heute bestehende Streckenführung.

Die französischen Ingenieure, die mit Unterstützung einheimischer Fachkräfte das Projekt leiteten, strebten einen möglichst gradlinigen Straßenverlauf an, der größere Steigungen vermied. Auf dem letzten Teilabschnitt der "Grande Route Imperiale" zwischen Kaiserslautern und Lohnsfeld ließen sie die Straße von der Eselsfürth direkt durch den Wald an Mehlingen vorbei nach Sembach legen. Das ursprüngliche Vorhaben, die Straße durch das Amseltal und über den Heuberg zu bauen, wurde verworfen, weil die erstgenannte Streckenführung kürzer war. Fortlaufende Truppenbewegungen und der schleppende Eingang der aus Steuern des Départements finanzierten Baugelder führten dazu, daß die Kaiserstraße zwischen Kaiserslautern und Lohnsfeld erst 1811 fertiggestellt werden konnte. An ihrem Bau, für den ständig ca. 900 Arbeitskräfte im Einsatz waren, waren auch die Sembacher Bauern beteiligt.

Wie die Bauern anderer Gemeinden mußten sie unentgeltlich Hand- und Spanndienste leisten, d. h. mit ihren Fuhrwerken Baumaterialien aus den Mehlinger Steinbrüchen transportieren und mit Schaufel und Hacke bei der Anlage der 10 Meter breiten und in der Mitte mit einer 6 Meter breiten Versteinung versehenen Straße mithelfen.

Eine Begleiterscheinung des Straßenbaues war, daß Napoleon mit seinem Gefolge desöfteren den neuen Verkehrsweg nach Mainz und Paris benutzte. Der Kaiser, der meist mit mehr als 20 Wagen sowie über 100 Pferden auf der mit jungen Laubbäumen und Pyramidenpappeln bepflanzten Allee unterwegs war, ließ sich hierbei in jeder Stadt und jedem Dorf mit Glockengeläut und Böllerschüssen von Behördenvertretern und festlich gekleideten Mädchen begrüßen. Auch die Sembacher werden wohl die Vorschriften befolgt und dem Kaiser teils begeistert teils gezwungenermaßen zugejubelt haben.

Insgesamt gesehen war der Bau der neuen Straße ein Glücksfall für Sembach, da das Dorf "über Nacht" an das überregionale Verkehrsnetz angeschlossen wurde. Daß dies von Vorteil war, zeigte sich schon bald; denn mit der Kaiserstraße kam auch die Post nach Sembach. Das war nicht gerade eine Selbstverständlichkeit, denn jahrzehntelang war die Post immer an der Gemeinde vorbeigefahren. Sowohl die Ende des 18. Jahrhunderts einmal wöchentlich bediente Postlinie von Mainz nach Paris, die über Oggersheim, Dürkheim, Kaiserslautern, Landstuhl, Zweibrücken, Rohrbach, Saarbrücken, Metz und Nancy führte, als auch die nach dem Übergang der Pfalz an Frankreich eingerichtete französische Postverbindung von Paris über Kaiserslautern nach Mainz, welche die alte Geleitstraße über Alsenborn, das Göllheimer Häuschen, Göllheim und Alzey benutzte, ließen Sembach links liegen.

1809 änderte sich dies grundlegend. Obwohl die neue Kaiserstraße noch nicht ganz fertiggestellt war, verkehrten auf ihr versuchsweise alle 2 Tage Eilpostwagen von Paris nach Mainz. Zum Einsatz der Eilpost war ein gut organisierter Estafettendienst mit Zwischenstationen zum Wechsel der Pferde notwendig. Solche Haltestellen richtete man in Bruchmühlbach, Landstuhl, Kaiserslautern, Sembach, Standenbühl, Kirchheimbolanden und Alzey ein.

In Sembach übernahm Daniel Ritter das Amt des kaiserlichen Posthalters. Sein Interesse an der Post kam nicht von ungefähr, stammte er doch aus einer pfälzischen Bürgerfamilie, die schon über 100 Jahre Posthalter und Poststallhalter stellte. Ritters Urgroßvater, der Dürkheimer Gastwirt Karl Philipp Ritter, hatte schon für die pfälzischen Kurfürsten und die Grafen von Thurn und Taxis die Briefe an seinem Heimatort befördert.

Der Großvater, Sigismund Ritter, setzte die Tradition des Hauses Ritter fort. Er nahm die Diemersteiner Posthalterwitwe und Försterstochter Elisabeth Diemer zur Frau und heiratete so in die Diemersteiner Posthalterei ein. Der auch als pfälzischer Zöllner und gräflich-leiningischer Schultheiß fungierende Posthalter unterhielt in Diemerstein ein stattliches Wohnhaus und Stallungen zum Zwecke des Postdienstes.

Nach dem Tode Sigismund Ritters fiel 1789 die Diemersteiner Poststation an seinen Sohn Adolf Ritter. Sicher auch dank der 1782 geschlossenen Ehe mit der sehr gebildeten und sehr begüterten Elisabeth Rieb aus Reichenbach/Steegen war Adolf Ritter der reichste Bürger Frankensteins und außerdem auch Gläubiger der verschuldeten Grafen von Wartenberg und Leiningen. Von seinen 7 Kindern (5 Söhne und 2 Töchter), zu denen Daniel Ritter gehörte, nahmen 4 Posthalterstellen auf der Kaiserstraße ein. Johann Friedrich wurde kaiserlicher Posthalter in Kirchheimbolanden. Später übernahm Johann Theobald den dortigen Poststall. Die Tochter Luise heiratete den Posthalter Carl Didier in Kaiserslautern und der schon erwähnte Daniel richtete die Haltestelle in Sembach ein.

Der geschäftstüchtige Daniel Ritter erwarb sich im Sembacher "Erdäpfelgarten" ein Grundstück mit Wohnhaus und Stallungen. Beides diente zunächst nur als Provisorium. Die eigentliche Posthalterei ließ Ritter an der Kaiserstraße errichten. Dort nahm er den Bau eines Hauses mit den notwendigen Pferdeunterkünften in Angriff. Die Fertigstellung dieses Anwesens zog sich aber bis 1812 hin, was Ritter immer wieder verärgerte. Unter anderem schrieb er im Juli 1812 an seinen Schwiegervater Peter Werntz, den Herzogsmüller in Grethen: "Mit unserer Bauerei geht es seit 12 Tagen schlecht vorwärts, denn die verteufelte Maurer Lumben haben sich seit unserer Kirchweih nicht mehr sehen lassen, doch habe ich Hoffnung, bis nächsten Montag das schlechte liederliche Zeug wieder daran zu bringen". Trotz allen Ärgers wurde jedoch der Rittersche Poststall rechtzeitig zur Freigabe der neuen Kaiserstraße fertig.

Die Postpferde konnten vor dem neuen Gebäude gewechselt werden. Ritter selbst sorgte für die Aufzucht und Pflege der Pferde und kümmerte sich auch um gute Unterkünfte. Im Stall der Posthalterei sollen mehr als 20 Tiere Platz gefunden haben. Eine Besonderheit waren die Schimmel des Schwagers Didier aus Kaiserslautern, der sich den Luxus erlaubte, die Personenpost mit gleichfarbigen Rossen zu bespannen. Neben dem Wohngebäude befand sich eine Toreinfahrt, durch welche die Gespanne aus- und einfuhren. Ein kleines Fenster öffnete sich darin zur Bezahlung der Postillione. In den Kutschen wurden vorwiegend Personen und Postsachen sowie Dienstsachen für die Gemeindeverwaltungen befördert und bei der Postexpedition in Sembach ausgetauscht. Da zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch sehr viel mit Gold und Münzen gehandelt und beides von der Post befördert wurde, mußten die Posthalter die ihnen anvertrauten Geldsendungen sicher aufbewahren. Zu diesem Zweck befand sich unter dem Boden des Ritterschen Hauses ein Wertaufbewahrungsraum, der für Nichteingeweihte unsichtbar war.

Der rege Postverkehr, der sich mit der Fertigstellung der Kaiserstraße entwickelte, sorgte dafür, daß Daniel Ritters Poststall florierte. Als königlich bayrischer Posthalter führte ihn Ritter auch nach dem Ende der französischen Herrschaft fort. Auf dem Weg von Mainz nach Saarbrücken machte seit 1816 alle 4 Tage eine Kutsche mit Reisenden und Post in Sembach halt, um sich von Ritters Postknechten die Pferde wechseln zu lassen. Außerdem kam dreimal die Woche die Reitpost vorbei und brachte besonders Dienstsachen für die umliegenden Dörfer mit. Nach einer relativ kurzen Blütezeit geriet der Sembacher Poststall aber schon bald in eine Dauerkrise, die schließlich zu seiner Aufhebung führte. Schuld an der Misere war zu einem guten Teil die bayrische Regierung, die sich nach dem Abzug der Franzosen kaum noch um die Instandsetzung der Kaiserstraße kümmerte. Tiefe Schlaglöcher und der aufgefahrene Grundbau der Straße erschwerten den Verkehr immer mehr. Der große Verschleiß an Wagen und Pferden, den diese Straßenschäden nach sich zogen, brachte Ritter und einige andere Posthalter der Kaiserstraße in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten. Ritters Schwager Didier in Kaiserslautern ruinierte sich z. B. durch Stürze seine ganzen Pferde, was mit dazu beitrug, daß er 1843 als Posthalter das Handtuch warf. Negativ wirkten sich die schlechten Straßenverhältnisse auch auf den Reiseverkehr aus. Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre mieden Reisende zunehmend die bayrische Pfalz und nahmen, um nach Mainz zu gelangen, lieber den Umweg über die benachbarte preußische Rheinprovinz in Kauf. Auf den sehr guten preußischen Straßen ließ es sich angenehmer reisen. Ein weiterer Grund für das Ausbleiben von Fahrgästen war, daß private Fuhrunternehmer in immer größerem Ausmaß die Personenbeförderung an sich zogen. Ebenso nahm auch der private Frachtverkehr zu.

Daniel Ritter, der schon etwa ab 1835 die Leitung des Poststalles seinem Sohn Karl Adolph anvertraut hatte, reagierte auf all diese Entwicklungen, indem er sich auf die Landwirtschaft und die Pferdezucht verlegte - eine Umorientierung, die ihm als reichstem Gutsbesitzer in Sembach nicht schwer gefallen sein dürfte. Während sein Sohn das Amt des Posthalters ausübte, lieferte Ritter selbst nun Pferde für die Gespanne privater Fuhrleute. In den vierziger Jahren endete schließlich die Ära Ritter abrupt. Daniel Ritters Sohn Karl Adolph starb schon 1842 im Alter von nur 28 Jahren und hinterließ den Poststall seiner 21-jährigen Ehefrau Elisabetha. Ihr ebenfalls frühzeitiger Tod 1845 führte im darauffolgenden Jahr zum Verkauf des Poststalles an den Kaiserslauterer Posthalter Franz Karcher. Die Sembacher Poststation, die Karcher übernahm, hatte mittlerweile allerdings viel von ihrem alten Glanz eingebüßt. Noch zu Lebzeiten von Elisabetha Ritter war am 01. Juli 1843 die alte Verbindung von Mainz nach Saarbrücken aufgehoben und durch die verkürzte Eilpostwagenlinie Mainz-Homburg ersetzt worden. Wahrscheinlich aus Rentabilitätsgründen verkürzte man diese Linie fünf Jahr später (01.07.1848) nochmals auf die bis 1855 (15.09.) bediente Strecke Mainz-Kaiserslautern. Zuvor war allerdings noch eine Eilpostwagenverbindung von Kaiserslautern nach Kreuznach eröffnet worden (01.08.1845 - 15.09.1855), die über Sembach, Winnweiler, Rockenhausen und Alsenz führte. Wie auf der Kaiserstraße litt aber auch auf dieser Postlinie der Reisekomfort unter den schlechten Straßenverhältnissen. In einem Straßenzustandsbericht aus dem Jahre 1847 heißt es über die Alsenzstraße: "Von Lohnsfeld ab ist diesselbe nicht mehr eine technische gebaute Straße, sondern ein Feldweg zu nennen, der einem neu geackerten Felde gleicht. Ohne feste Grundlage und Gestück entbehrt sie noch jedes Deckmaterial und die Pferde haben Mühe, den besonders bei schlechtem Wetter bis an die Achsen im Kot steckenden Wagen im Schritt weiter zu schleppen. Dabei ist diesselbe so schmal, daß 2 Wagen nur mit Mühe, an vielen Stellen wegen der auf der Seite Schuh hoch aufgetürmten Kothaufen gar nicht ausweichen können". Reisende, die auf dieser Strecke von Kaiserslautern über Sembach nach Kreuznach fuhren, waren gut 15 Stunden unterwegs, wobei der Fahrplan von den Fahrgästen eine große Flexibilität verlangte. Wollte man z. B. von Winnweiler nach Kreuznach, so konnte man nur gegen Abend in die aus Sembach kommende Postkutsche zusteigen.

Wer dagegen nach Kaiserslautern wollte, mußte sich schon um drei Uhr früh auf die Beine machen und traf dann gegen acht Uhr morgens in der Stadt ein. Unterwegs wurden die Eilpostwagen bis weit in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts von zwei berittenen Gendarmen begleitet. Über die damals eingesetzten Kutschen berichtet ein Zeitgenosse aus Winnweiler: "Die Postwagen waren keine Omnibusse, sie hatten vielmehr im vorderen Teile eine Abteilung, in welcher zwei Personen nebeneinander Platz hatten, die dem hinteren Teile den Rücken kehrten; letzterer selbst hatte mit Leder überzogene Sitzbänke rechts und links wie ein Omnibus und bot Platz für vier Personen; war die Post besetzt und kein Platz mehr für anwesende Reisende, so gab es eine Beichaise .... Von und nach Kaiserslautern (von Winnweiler aus gesehen) kostete ein Platz im vorderen Teil, Coupé genannt, einen Gulden, im hinteren Teil einen halben Gulden."

Neun Jahre führte Franz Karcher die Tradition der Ritterschen Posthalterei noch fort bis für ihn 1855 das Aus kam. Die Umwandlung der Eilwagenlinie Kaiserslautern - Kreuznach in eine Postomnibuslinie mit gleicher Streckenführung und die Einrichtung der neuen Postomnibuslinie Winnweiler - Dreisen - Kirchheimbolanden führte zur Aufhebung des Sembacher Poststalles und seiner Verlegung nach Winnweiler. In Sembach wechselte man nun keine Pferde mehr. Sembach war nur noch Haltestation für den einmal pro Tag verkehrenden Postomnibus, der Reisende mitnahm und die Post für die umliegenden Gemeinden Baalborn, Mehlingen, Neukirchen, Rohrbach und Wartenberg mitbrachte.

Doch auch dieser verbliebene Luxus erfuhr noch weitere Einschränkungen. Seit 1862 konnte man z. B. Kreuznach nicht mehr direkt von Sembach aus erreichen, weil die alte Postomnibuslinie Kaiserslautern-Kreuznach aufgelöst wurde (20.04.1862).

Was den Sembachern blieb, waren die beiden Postomnibuslinien Kaiserslautern-Sembach-Winnweiler-Rockenhausen-Alsenz-Obermoschel (seit dem 10.04.1862) und Kaiserslautern-Sembach-Winnweiler-Rockenhausen (seit 01.06.1864).

Endgültig verlor Sembach seinen Anschluß an das regionale Verkehrsnetz mit dem Bau der Alsenztalbahn in den Jahren 1870/71. Als 1870 die erste Teilstrecke zwischen Hochspeyer und Winnweiler eröffnet wurde, stellte man den Betrieb der oben erwähnten Postlinien ein. Angesichts ihrer verkehrsmäßigen Isolierung war es für die Sembacher nur ein schwacher Trost, daß der Eisenbahnbau dem Sembacher Poststall eine bescheidene Renaissance bescherte. Für Karriolpostfahrten zum Bahnhof Neuhemsbach richtete man im Dorf nochmals einen Poststall ein. Von hier aus verkehrten seit 1870 (29.10.) zunächst zweimal und dann dreimal täglich (seit 01.11.1891) leichte zweirädrige Wagen mit einem Kastenaufbau, um die Post für Sembach und die umliegenden Gemeinden zu befördern. Den weiteren Zustelldienst besorgte der im Dorf angestellte Postbote. Mit einem blauen Dienstrock bekleidet, eine blaue Schirmmütze mit Kokarde auf dem Kopf trug er auch bei schlechtem Wetter jeden Tag zu Fuß Briefe, Dienstsachen usw. auf den Dörfern aus, leerte die Briefkästen und verkaufte als mobiles Postbüro Briefmarken an die Dorfbewohner.

Der neue Poststall in Sembach bestand über 40 Jahre und wurde 1913 durch die Eröffnung der Motorpostlinie Sembach - Kaiserslautern überflüssig.

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